Philosophie

Die Entwertung des Menschlichen

Ron Kubsch · 
01.01.2002

Anmerkungen zur postmodernen Humanismuskritik

„Der Humanismus, der nur vom Menschen ausgeht und den Menschen zum Maß aller Dinge macht, ist in seiner Philosophie meistens materialistisch ausgerichtet. […] Und diese Weltanschauung hat uns auch jegliche Grenzen genommen, um uns davor zu bewahren, in eine noch tragischere Entwertung des menschlichen Lebens zu sinken.“

(Francis Schaeffer)

I. Die Entdeckung der Renaissance 

Der Streit darüber, was Humanismus eigentlich ist, dauert an. Und ich habe wenig Hoffnung, daß er irgendwann eindeutig entschieden wird.[1] Eine Idee scheint jedoch bei allen humanistischen Strömungen eine zentrale Rolle zu spielen, nämlich die von der Würde des Menschen.

Der Glaube daran, daß wir als vernunftbegabte Wesen verantwortlich und frei entscheiden können und eine Sonderstellung innerhalb des Geschöpflichen einnehmen, war die herausragende Entdeckung der Renaissance. Und keiner hat sie wahrscheinlich enthusiastischer beschworen, als der Italiener GIOVANNI PICO DELLA MIRANDOLA (1463-1499), der, damals gerade Mitte Zwanzig, jubelte – und es fand Eingang in den humanistischen Kanon:[2]

  • Keinen bestimmten Platz habe ich [Gott] dir zugewiesen, auch keine bestimmte äußere Erscheinung und auch nicht irgendeine besondere Gabe habe ich dir verliehen, Adam, damit du den Platz, das Aussehen und alle die Gaben, die du dir selber wünschst, nach deinem eigenen Willen und Entschluß erhalten und besitzen kannst. Die fest umrissene Natur der übrigen Geschöpfe entfaltet sich nur innerhalb der von mir vorgeschriebenen Gesetze. Du wirst von allen Einschränkungen frei nach deinem eigenen freien Willen, dem ich dich überlassen habe, dir selbst deine Natur bestimmen. In die Mitte der Welt habe ich dich gestellt, damit du von da aus bequemer alles ringsum betrachten kannst, was es auf der Welt gibt. Weder als einen Himmlischen noch als einen Irdischen habe ich dich geschaffen und weder sterblich noch unsterblich dich gemacht, damit du wie ein Former und Bildner deiner selbst nach eigenem Belieben und aus eigener Macht zu der Gestalt dich ausbilden kannst, die du bevorzugst. Du kannst nach unten hin ins Tierische entarten, du kannst aus eigenem Willen wiedergeboren werden nach oben in das Göttliche.

Der Begriff der Menschenwürde läßt sich auf unterschiedliche ideengeschichtliche Einflüsse zurückführen.[3]Doch erst Gelehrte der Renaissance wie PICO, CIANOZZO MENETTI (1396-1459)[4] oder auch NIKOLAUS VON KUES (1401-1464)[5] spiegelten deutlich den Glauben an die dignitas et excellentia, wie er sich von da an in allen humanistischen Bewegungen findet.[6]

Der Humanismus der Renaissance betonte die herausragende Stellung des Menschen innerhalb der Schöpfungsordnung zurecht. MARTIN LUTHER (1483-1546) fand lobende Worte für die reformatio und verglich sie mit Johannes dem Täufer.[7] So, wie Johannes dem Evangelium den Weg bereitete, waren die Humanisten mit ihrer Kenntnis der alten Sprachen, der Wiederentdeckung alter Quellen, der Scholastikkritik und der Ausbreitung des Buchdrucks Wegbereiter der Reformation.

Allerdings warnten schon die Reformatoren vor den Gefahren eines anthropozentrischen Weltbildes. Sie glaubten an die Freiheit des Menschen, aber nicht an eine uneingeschränkte. Sie hielten viel von seiner Würde, lehrten jedoch deutlich, daß es eine Würde war, die Gott dem Menschen durch die Ebenbildlichkeit zueignete und daß sie verlorengeht, wenn der Mensch sie aus sich selbst zu beziehen versucht. Während die Renaissance den Menschen glorifizierte, gaben die reformatorischen Theologen die miseria hominis nicht auf.

Doch der überwiegende Teil der humanistischen Bewegung legte im Verlauf der weiteren Entwicklung wenig Wert auf eine christlich verankerte Anthropologie. Der ursprünglich für die Bewegung selbstverständliche Gottesbezug des Menschen geriet schnell aus dem Blickfeld. So ortete schon BLAISE PASCAL (1623-1662) das Besondere des Menschen in seiner Rationalität.[8] Bei THOMAS HOBBES (1588-1679) wird nur noch dem homo politicus Menschenwürde verliehen.[9] Und im Humanismus der Aufklärung wird dann die menschliche Würde von der christlichen Metaphysik gänzlich abgekoppelt. Nach IMMANUEL KANT (1724-1804) ist Würde – völlig losgelöst von der christlichen Heilslehre – ein durch die Vernunftbegabung begründeter unzerstörbarer Wesenzug des Menschen, ein absoluter innerer Wert, der ihn „über allen Preis erhaben“ macht.[10] KURT BAYERTZ faßt den Umbruch wie folgt zusammen:

  • Hatte die mittelalterliche Theologie die Würde des Menschen noch vornehmlich aus seiner bevorzugten Stellung gegenüber Gott abgeleitet, so wird die Idee vom Menschen als imago dei in den folgenden Jahrhunderten mehr und mehr überlagert (nicht notwendigerweise ersetzt) durch Bestimmungen, die dem Menschen als einem eigenständigen Wesen in der irdischen Welt zukommen. Die Würde wird also nicht mehr als ein Abglanz aufgefaßt, der aus der transzendenten Welt auf den Menschen fällt, sondern als Inbegriff dessen, was der Mensch im irdischen Leben darstellt.[11]

II. Die Krise des Humanismus 

Heute steckt der Humanismus in einer ernsten Krise. Die herkömmliche Annahme einer Sonderstellung des Menschen löst sich vor unseren Augen dramatisch auf. Schon 1962 sprach THEODOR ADORNO (1903-1969) davon, daß der Anthropozentrismus „nicht zu retten“ sei.[12] 1966 schrieb MICHEL FOUCAULT (1926-1984) begeistert vom „Verschwinden des Menschen“[13] und deutete es als Befreiung von der Enge einer anthropologischen Axiomatik.[14] FRANÇOIS LYOTARD (1924-1998) spricht davon, daß das Erbe KANTS und WITTGENSTEINs “von der Schuldenlast des Anthropomorphismus” zu befreien sei.[15] Zyniker wie der aus Rumänien stammende E. M. CIORAN oder der deutsche ULRICH HORSTMANN proklamieren sogar Sätze wie „Das Paradies ist die Abwesenheit des Menschen“[16] oder „Daß es besser wäre, wenn es nicht wäre, hat sich das Untier [gemeint ist der Mensch] immer schon auf die ein oder andere Weise eingestanden.“[17]

Diese ernüchternde Abkehr vom Anthropozentrismus mag auf ganz unterschiedliche Motive zurückgreifen, ob nun – wie bei Adorno – auf die neue Kosmologie oder – wie bei Lyotard – auf das Fehlen einer Metasprache oder Metaerzählung. Tatsächlich aber scheint es, als ob neue Befunde eine Exklusivität der menschlichen Natur weitgehend relativieren. Mathematiker und Computerexperten sind überzeugt, daß digitale Maschinen bereits intelligente Leistungen vollbringen, die sich kaum noch von humaner Intelligenz unterscheiden.[18] Die Gentechnologie zeigt uns, daß wir Menschen nur minimal von anderen Wesen der Natur verschieden sind.[19] Und die Biowissenschaften mißtrauen der seit Jahrtausenden gelehrten Konstanz der Arten. Man spricht nicht mehr von einer einigermaßen stabilen menschlichen Natur, sondern ist überzeugt von ihrer grundsätzlichen Offenheit und Programmierbarkeit. Gerade jetzt, wo die Vision des GIOVANNI PICO DELLA MIRANDOLA vom nicht festgelegten Adam so greifbar scheint, entpuppt sich vor unseren Augen ihr ganzer Fluch.

1. Die Sloterdijk-Debatte 

Daß sich der Humanismus in einer Krise befindet, wurde auch durch die sogenannte Sloterdijk-Debatte offensichtlich. Im Juli 1999 hielt PETER SLOTERDIJK auf Schloß Elmau einen Vortrag mit dem Titel „Regeln für den Menschenpark“. Verstanden als ein Antwortschreiben auf HEIDEGGERS Brief „Über den Humanismus“[20], wollte der Karlsruher Philosoph die Rolle des Humanismus in der Geschichte der Menschheit beleuchten und zur Normdiskussion für den Umgang mit den sogenannten Anthropotechniken anregen.

Nach MARTIN HEIDEGGER (1889-1976) hat der Humanismus die Menschlichkeit des Menschen vernachlässigt. Der Mensch wurde immer nur – in Anlehnung an ARISTOTELES (384-324 v. Chr.) – als „animal rationale“, als vernunftbegabtes Tier verstanden. Das eigentliche Sein des Menschen wird dadurch verdeckt. „So wenig das Wesen des Menschen darin besteht, ein animalischer Organismus zu sein, so wenig läßt sich diese unzureichende Wesensbestimmung des Menschen dadurch beseitigen und ausgleichen, daß der Mensch mit einer unsterblichen Seele oder mit dem Vernunftvermögen oder mit dem Personcharakter ausgestattet wird.“[21] Der Biologismus wird dem Menschen nicht gerecht, das „Göttliche“ steht seinem Wesen näher als seine leibliche Verwandtschaft mit dem Tier. Zwischen den Dingen der Welt und dem Menschen besteht ein fundamentaler ontologische Unterschied. “Der Mensch ist der Hirt des Seins.” [22]

SLOTERDIJK kehrt nun die Humanismuskritik HEIDEGGERS in ihr Gegenteil. Das Problem des Humanismus ist es nicht, daß er die Menschlichkeit des Menschen vernachlässigt, seine Schwäche ist vielmehr, daß er die Abstammung vom Tier nicht ernst genug nimmt. Wenn der Mensch durch Ausleseprozesse zu dem geworden ist, was er ist, dann sollte man auch durch Selektion dafür sorgen, daß er bleibt. Der Ausleseprozeß durch Bildung – nach SLOTERDIJK die Maxime des aus der Renaissance hervorgegangenen Humanismus – hat versagt. Warum also sollten wir uns nicht die Möglichkeiten zu Nutze machen, die uns nun mit den modernen Anthropotechniken zur Verfügung stehen? Durch Genmanipulationen und Eingriffe in die menschliche Keimbahn könne der homo sapiens den Gang seiner Entwicklung selbst in die Hand nehmen, quasi zu seinem eigenen Züchter werden. Die Zukunft des Humanen, das ist die Menschenzucht.[23] Oder – um eine Phantasie Nietzsches aufzugreifen – „Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf!“[24]

Mit dieser Demontierung der menschlichen Exklusivität und „Wesensstabilität“ steht nun allerdings auch die Würde des Menschen zur Disposition. Und die Herausforderung, diese zu schützen, scheint diesmal eine größere zu sein, als in den Zeiten, in denen durch die Psychoanalyse oder den Behaviorismus die menschliche Freiheit gedemütigt werden sollte. Die Theorien, um die es geht, sind – wie wir noch sehen werden – weder neu noch besonders originell. Was die Entwicklung so beängstigend macht, ist ihre absehbare technische Verwirklichung. Es geht um immer konkreter werdende Pläne für eine Neuordnung des Menschlichen. Der traditionelle Humanismus dachte sich den Menschen als Tier plus Personalität. Der nun angebrochene Diskurs verwischt selbst diese Personalität und droht das Menschliche gänzlich zu verdinglichen. Der Mensch wird gedeutet als eine reparaturbedürftige biologische Maschine. Und in den Biowerkstätten bereiten sich die Meister eifrig auf eine Generalinspektion vor.[25]

Zwar wurde SLOTERDIJK für seine Rede – die er eigentlich nur als Anfrage verstanden wissen wollte[26] – massiv gescholten. Tatsächlich aber ist er nur einer von vielen, die in den letzten Jahren durch ihre Äußerungen Zweifel an den humanistischen Idealen laut werden ließen und für eine Umformung des Menschen und seiner Wertvorstellungen plädierten.

In den 60iger Jahren begann der christliche Apologet FRANCIS SCHAEFFER (1912-1984) von der Linie der Verzweiflung zu sprechen, welche die weltanschaulichen Konzeptionen in Europa und Nordamerika etwa seit der Jahrhundertwende[27] voneinander trennt. Oberhalb der Linie finden wir Menschen mit verträumten aber sinnstiftenden Illusionen. Unterhalb der Linie werden uns Weltanschauungen angeboten, die zwar rational sind, jedoch Sinnfragen weitgehend unbeantwortet lassen. Wenn wir dieses Raster nutzen, um die aktuellen Alternativen zum Humanismus einzuordnen, ergibt sich folgendes Bild: Wir haben auf der einen Seite optimistische, aber letztlich – wie wir exemplarisch am Beispiel des Transhumanismus sehen werden – nicht-rationale Reaktionen auf die Krise des Humanismus. Und wir finden auf der anderen Seite das rational-logische, aber zutiefst pessimistische Selbstverständnis des – wie wir es nennen werden – Posthumanismus.

2. Der Transhumanismus 

Wenden wir uns zuerst der bizarr optimistischen Sicht des Transhumanismus zu.

Angesichts der Tatsache, daß die Entschlüsselung des menschlichen Genoms weit fortgeschritten ist[28], rückt für viele Wissenschaftler die Vision eines künstlich veränderten Menschen in den Bereich des Machbaren.

Der Wunsch, intellektuelle und medizinische Unzulänglichkeiten zu überwinden, treibt die Gelehrten dazu, ethische Bedenken zur Seite zu schieben und den perfekten Menschen zu planen. Gedacht ist an die Reparatur sämtlicher Defekte.

MAX MORE, philosophischer Bannerträger dieser „Erneuerungsbewegung“, schreibt in seinem Manifest, den sogenannten „Extropischen Grundsätzen“, das inzwischen in der Version 3.0 im Internet eingesehen werden kann:

  • Extropianer halten nichts von der Behauptung, die menschliche Natur solle grundsätzlich unverändert bleiben, damit sie dem „Willen Gottes“ entspreche oder weil alles andere „unnatürlich“ sei. Wie unsere Verwandten im Geiste, die Humanisten, streben wir nach ständigem Fortschritt in alle Richtungen. Von vielen Humanisten unterscheiden wir uns jedoch durch die Bereitschaft, die menschliche Natur zur Erreichung dieser Ziele in ihrem Kern zu verändern. Wir wollen die traditionellen, biologischen, genetischen und intellektuellen Grenzen, die unseren Fortschritt einschränken, überschreiten […] Extropianer sind sich der einzigartigen intellektuellen Fähigkeiten des Menschen bewusst. Wir haben die Chance, die natürliche Evolution auf neue Ebenen zu heben. Aus unserer Sicht befindet sich die Menschheit in einem Übergangstadium auf dem Weg zwischen animalischer Abstammung und posthumaner Zukunft […] Wir möchten nun diesen evolutionären Prozess fortführen und beschleunigen und dabei die biologischen und psychologischen Grenzen des Menschen überwinden […] Wir geben uns mit den vielen Unzulänglichkeiten menschlicher Existenz nicht zufrieden und sind entschlossen, die natürlichen und bis jetzt widerspruchslos akzeptierten Grenzen unserer Möglichkeiten zu überschreiten.[29]

Mit beinahe prophetischem Sendungsbewußtsein beschwört er seine Gattungsgenossen: „Lasst uns unsere alten Formen sprengen! Hinweg mit unserer Unwissenheit, unserer Schwäche, unserer Sterblichkeit. Die Zukunft gehört uns.“[30] Der Traum vom vollendeten Menschen könne doch noch in Erfüllung gehen. Auf uns wartet, so DAVID PEARCE, ein Mitstreiter MORES, „umfassendes orgastisches Glück“.[31]

Als Ende des 19. Jahrhunderts NIETZSCHE (1844-1900) seinen Lesern im Zarathustra zurufen ließ: „Ich lehre euch den Übermenschen, der Mensch ist etwas, was überwunden werden soll. Was habt ihr getan, ihn zu überwinden?“, blieb er ungehört oder zumindest unverstanden. Die Versuche, etwas wirklich Neues zu schaffen, sind gescheitert. Nun allerdings stehen uns qualitativ ganz neue Wege offen. Wir können den Menschen, der sich seit je (wir würden sagen: seit dem Sündenfall) als unvollkommen wahrnimmt, perfektionieren, der Traum vom Übermenschen scheint greifbar.

Aus diesem Grund nennen sich MORE und seine Jünger Transhumanisten. Man will die Grenzen des biologischen Menschen, was Sinne, Intelligenz, Alter usw. anbetrifft, mittels neuer Technologien überwinden. Man hofft darauf, daß der Mensch über sich hinauswächst, zahlreiche herkömmliche Begrenzungen sprengt.

3. Der Posthumanismus 

Dieser Traum vom gänzlich erneuerten Menschen ist gewiß nicht neu. Das Programm muß wie eine Neuauflage der zahlreichen gescheiterten Versuche erscheinen, einen „himmlischen“ Menschen zu schaffen (es fing schon mit dem Turmbau zu Babel an, vgl. Gen 11). Während diese fiktionistisch-optimistische Sicht eher die einer Subkultur ist (die sich allerdings einer immer größeren Zuwanderung erfreut), ist die pessimistische die offizielle, die universitäre, die, die im öffentlichen Auftrag und mit öffentlichen Geldern gefördert und gelehrt wird. Nennen wir sie Posthumanismus.

Für die Posthumanisten sind solche Begriffe wie „menschliche Freiheit“ oder „Seele“ eine soziale Konstruktionen, regulative Ideen, die durch den stetig wachsenden Fortschritt im Bereich der Bewußtseinforschung samt der mit ihnen verbundenen Konzeptionen mehr und mehr entbehrlich werden. Obwohl sich dessen bewußt, daß gegenwärtig niemand befriedigend erklären kann, was in unserem Gehirn tatsächlich vor sich geht, legen uns die Experten nahe, den Glauben an einen freien Willen aufzugeben.

So hat die Forschergruppe um den Tübinger Professor NIELS BIRBAUMER bereits Anfang der 90ziger Jahre recht überzeugend nachweisen können, daß das Bewußtsein den Hirnoperationen hinterherhinkt. Der Bonner ROLF DEGEN schreibt:

  • Mit dem vielgerühmten freien Willen des Menschen verhält es sich womöglich genauso wie mit manchem kleinen Beamten in einer riesigen Bürokratie. Obwohl er nur Entscheidungen befolgt, die längst woanders gefällt wurden, bildet er sich ein, an der maßgeblichen Stelle zu sitzen. Sogenannte ereigniskorrelierte Potentiale zeigen den Wissenschaftlern, daß Willenshandlungen im Gehirn angebahnt werden, bevor das Bewußtsein die Initiative ergreift.[32]

Der Soziobiologe RICHARD DAWKINS propagiert die totale genetische Vorherbestimmung des Menschen. Seine Botschaft: „Wir glauben nur, dass wir selbstbestimmt handeln. In Wahrheit sind es die ‚egoistischen Gene‘, die uns regieren.“[33]

WOLF SINGER, Direktor des Max-Plank-Institutes für Hirnforschung in Frankfurt, kam im Rahmen seiner Forschungsarbeit – ganz im Sinne der Identitätstheorie – zu dem Schluß, „dass das Verhalten der Menschen, ihre Persönlichkeit und ihre Individualität allein auf dem Zusammenspiel der Nervenzellen im Gehirn beruht“.[34] Als die Spiegel-Reporter ihm die Frage stellten, ob der freie Wille des Menschen nichts sei „als eine nette Illusion“, lautet seine Antwort:

  • Nicht ganz. Er wird von uns als Realität erlebt, und wir handeln und urteilen so, als gäbe es ihn. Der freie Wille, oder besser, die Erfahrung, einen solchen zu haben, ist somit etwas Reales, extrem Folgenreiches. Insofern, als sich die Mehrheit der gesunden Menschen zu dieser Erfahrung bekennt, ist sie also keine Illusion wie etwa eine Halluzination. Aber aus Sicht der Naturwissenschaft ergibt sich die mit der Selbstwahrnehmung unvereinbare Schlussfolgerung, dass der „Wille“ nicht frei sein kann.[35]

Den Reportern stand vor Augen, daß Freiheit des Menschen die große Entdeckung des Humanismus war und Demokratien geradezu auf die Idee der Freiheit angewiesen sind. Als sie SINGER nach den ethischen Konsequenzen seiner Theorie befragten, bekamen sie folgende Antworten:

  • SPIEGEL: Ihre Zweifel am freien Willen des Menschen haben auch etwas Gespenstisches an sich: Würde sich, wenn sich diese Vorstellung durchsetzt, unser Menschenbild nicht völlig verändern?
  • Singer: Sicherlich, nur wäre das Menschenbild, das dabei entstünde, nicht ein gespenstisches, sondern ein im Vergleich zum heutigen vermutlich humaneres. Im vergangenen Jahrhundert wurden viele abnorme Hirnzustände entmystifiziert. Man hat zum Beispiel gelernt, daß Epilepsie keine Besessenheit ist, sondern einfach eine Entgleisung von Hirnstoffwechselprozessen. Zu ähnlichen Schlüssen werden wir auch im Hinblick auf abnorme Verhaltensweisen kommen. Nämlich dass es Störungen im Gehirn geben kann, die Menschen zu unangepasstem Verhalten veranlassen.
  • SPIEGEL: Aus Ihrer Vorstellung von der Nichtexistenz eines freien Willens folgen auch rechtliche Überlegungen: Der Mensch wäre nicht mehr verantwortlich für sein Tun. Müssen Sie dann nicht das Prinzip von Schuld und Sühne über Bord werfen?
  • Singer: Ja, ich halte dieses Prinzip für verzichtbar. An unserem Verhalten würde sich auch gar nicht viel ändern: Wir würden nach wie vor unsere Kinder erziehen, weil wir wüssten, dass wir ihnen und der Gesellschaft durch Erlernen sozialen Verhaltens das Leben erleichtern.
  • SPIEGEL: Aber ist dann nicht jede psychiatrische Feststellung von Schuldfähigkeit unsinnig, wenn man sowieso unterstellt, dass niemand schuldfähig ist?
  • Singer: Richtig. Unsere Sichtweise von Übeltätern würde sich eben ändern müssen. Man würde sagen: „Dieser arme Mensch hat Pech gehabt. Er ist am Endpunkt der Normalverteilung angelangt.“ Ob nun aus genetischen Gründen oder aus Gründen der Erziehung, die gleich mächtig in die Programmierung von Hirnfunktionen eingehen, ist unerheblich. Ein kaltblütiger Mörder hat eben das Pech, eine so niedrige Tötungsschwelle zu haben.

Während also die Transhumanisten die Begrenztheit des Menschen unterschätzen, verschmähen die Posthumanisten seine Freiheit. Die einen lassen sich beflügeln durch einen schwärmerischen nicht-rationalenOptimismus, die anderen haben die Erhabenheit des Menschen zugunsten eines rational-logischennaturwissenschaftlichen Determinismus aufgegeben und das Prinzip Verantwortung ersetzt durch das des unangepaßten Verhaltens. Beiden Alternativen zum Humanismus ist jedoch eines gleich: sie stellen eine Bedrohung für die Würde des Menschen dar.

III. Die Freiheit der Abhängigkeit 

Ein Humanismus, der sich also vom Gottesbezug löst und den Menschen als gänzlich autonom begreift, wirft den Menschen auf sich selbst zurück. Die Befreiung entpuppt sich als Verdammung (Sartre), die Aufwertung als Entwertung. Der ausschließlich vom Menschen ausgehende Humanismus degeneriert zum übertriebenen Individualismus (siehe den französischen Existentialismus), zum totalitären Kollektivismus (siehe den Marxismus) oder aber, wie wir gesehen haben, zu Spielarten eines Nach-Humanismus, der sich durch Manipulation der menschlichen Natur zu retten versucht, damit letztlich das spezifisch Menschliche aufgibt und sich selbst überwindet. Man möchte mit C.S. LEWIS (1889-1963) sprechen: „Der Sieg des Menschen über die Natur erweist sich im Augenblick seines scheinbaren Gelingens als Sieg der Natur über den Menschen.“[36]

Kommen wir damit zu der Frage, was wir Christen angesichts dieser Entwicklung zu denken und zu tun haben. Natürlich kann es an dieser Stelle nicht um die Entfaltung und Begründung einer biblischen Ethik gehen. Dennoch abschließend vier Markierungen:

1.) Absolut frei, im Sinne, wie sich der Humanismus den Menschen denkt, ist allein Gott.

Man könnte zwar meinen, daß sich gerade beim Begriff der Freiheit biblisches Christentum und Humanismus die Hand reichen. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Gerade hier geraten Humanisten und Christen scharf aneinander und müssen es auch, da das christliche Konzept der Freiheit ein gänzlich anderes ist. EMIL BRUNNER (1889-1966) beschreibt die Tatsache, daß wir Menschen nur relativ frei sein können, wie folgt:

  • Das ursprüngliche Sein des Menschen ist kein für sich bestehendes, kein substantiales, sondern es ist ein von-Gott-her-, in-Gott- und auf-Gott-hin-Sein. Es ist nie unabhängiges Sein, sondern im Gegenteil: die Abhängigkeit im Vollzug. Darin, nicht in irgendeiner quantitativen Unterscheidung (Deismus) liegt der Unterschied zwischen der geschöpflichen und der Freiheit des Schöpfers. Einzig das Sein Gottes ist un-bedingte, absolute Freiheit. Die des Geschöpfes ist bedingte, relative Freiheit, Freiheit in der Abhängigkeit […] Weil das Sein des Menschen gerade in der Abhängigkeit von Gott, in Gottes erwählendem und Verantwortung gebendem Ruf beruht, darum ist auch seine Freiheit nur dort vollgehaltig, wo der Mensch in dieser Abhängigkeit bleibt, darum ist — um es einmal quantitativ zu sagen — das Maximum seiner Abhängigkeit von Gott zugleich das Maximum seiner Freiheit und nimmt seine Freiheit ab mit der Entfernung von seinem Ursprungsort, von Gott.[37]

Gottes Freiheit ist folglich unendlich, die seiner Geschöpfe jedoch endlich. Der Mensch kann eben nicht alles tun, er ist von Gott und den von ihm gesetzten Begrenzungen schlichtweg abhängig. Und gerade das Bleiben in dieser tiefen Abhängigkeit schafft Freiheit.

2.) Durch die imago dei, die Ebenbildlichkeit des Menschen, ist uns Würde und Bestimmung vorund mitgegeben.[38]

Damit ist einmal gesagt, daß durch die imago dei jedem Menschen Würde zugeeignet ist und sie gilt, ganz unabhängig davon, ob andere sie zuerkennen. Menschenwürde ist eben gerade nicht das Erzeugnis eines sozialen Konsens, etwas, was die Gesellschaft dem Einzelnen mehr oder weniger (oder gar nicht) zuschreibt.[39] Victor Pöschl faßt das charakteristisch Christliche am Würdebegriff wie folgt zusammen:

  • Durch die Gottesebenbildlichkeit wird jedem einzelnen Menschen nun eine eigene Würde zugesprochen, die definiert wird durch den direkten Bezug des Menschen zu Gott ohne Rücksicht auf die politische und soziale Stellung, die Zugehörigkeit zu einer Nation, einer Religion oder einer sonstwie definierten Gruppe. Dadurch wird die unveräußerliche Menschenwürde jeder Diskussion entzogen. Mit ihr besitzt der Mensch bestimmte Rechte, die ihm keine irdische Gemeinschaft entziehen kann.[40]

Aber damit ist auch ein Zweites gesagt. Unsere Selbstbestimmung ist begrenzt durch das, was durch Gott den Schöpfer der Wirklichkeit schon gesetzt ist. Die Freiheit des Menschen ist demnach die, seine Bestimmung einzuholen, nicht die, gegen sie zu leben. Der Widerstreit gegen die von Gott im Schöpfungsakt festgelegte Berufung führt in die Auflehnung gegen die Wirklichkeit selbst und damit zur Entwertung des Menschlichen. Gott spricht uns Freiheit in Grenzen zu. Die Überschreitung der Grenzlinien, zum Beispiel durch Lebensformen, die der menschlichen Natur widersprechen[41] oder gar durch den Versuch der Umpolung der Natur, führen notwendig in die Selbstzerstörung. Eine Selbstbestimmung, die im Interesse der Selbstentfaltung ihrer Gattung die menschliche Natur nur als „Material“ auffaßt und für die Artveränderung freigibt, müssen wir konsequent ablehnen.[42]

3.) Wir sollten uns von reduktionistischen Menschenbildern distanzieren.

Weder der naturwissenschaftliche Determinismus noch eine monistische Anthropologie gewinnen dadurch mehr Überzeugungskraft, daß sie mit großem Aufwand „auf allen Kanälen“ propagiert werden.

Der Determinismus als Weltanschauung findet sich schon in der Antike.[43] Und das noch heute um befriedigende Lösungen für die mit ihm verbundenen Probleme gerungen wird, zeigt, daß es dabei um die Klärung komplizierter vielschichtiger Fragestellungen geht.

Dennoch werden wir uns als Christen sowohl vom Determinismus als auch von einem Indeterminismusabgrenzen.

Die Vorstellung, daß menschliches Verhalten gänzlich „unverursacht“ ist, widerspricht nicht nur unserer täglichen Erfahrung und dem Kausalitätsprinzip, es würde uns auch vom Ruf zu verantwortlichem Handeln entbinden und vor allem die Schöpfer- und Erhalterschaft Gottes verleugnen.

Die Konzeption des Determinismus, also der Glaube daran, daß jeder Akt eines Menschen notwendig durch eine vorzeitige Ursache bestimmt ist, demnach also alle Ereignisse einschließlich der moralischen Entscheidungen nicht hätten anders ausgehen können als sie ausgegangen sind, ist für Christen ebenso unannehmbar. Auch hier hätten wir mit der Aufhebung jeglicher Ethik sowie zahlreichen logischen und theologischen Schwierigkeiten zu kämpfen.

Wir sollten m. E. in eine Richtung denken, die sowohl mit der Souveränität Gottes als auch der Verantwortlichkeit des Menschen kompatibel ist. Denkbar wäre eine Form des Selbst-Determinismus, der einerseits anerkennt, das jedes „Selbst“ durch ein ganzes Netz von „Fremdeinflüssen“ mitbestimmt ist und unabhängig von Gottes conservatio nicht sein kann, aber andererseits darauf besteht, daß ein „Ich“ – unter Einschluß aller determinierenden Faktoren – wirklich Entscheidungen treffen kann. Die christliche Theologie hat auf diesem Gebiet beachtenswerte Lösungsvorschläge angeboten.[44] Und selbst der dualistische Vorschlag KANTs, nämlich anzunehmen, daß jeder Mensch Bürger zweier Reiche ist, nämlich der einer intelligiblen Welt der Freiheit und der der Notwendigkeit[45], klingt überzeugender, als die fatalistische Position W. Singers, der eigentlich behauptet, daß nicht das „Ich“ auf die Welt einwirkt, sondern die (ja fast schon personifizierte) Welt über Prozesse in Umwelt und Hirn uns als Menschen beherrscht und steuert.

Seit einigen Jahrzehnten mehren sich kritische Stimmen bezüglich einer dualistischen Anthropologie auch unter konservativen Christen. So kommt beispielsweise der Münchner Theologe WOLFHART PANNENBERG zu dem Schluß:

  • Die Unterscheidung zwischen Leib und Seele als zwei ganz verschiedenen Wirklichkeitsbereichen läßt sich nicht länger aufrechterhalten. […] Solche Trennung ist […] künstlich. […] Es gibt keine dem Leib gegenüber selbständige Wirklichkeit „Seele“ im Menschen, …[46]

Wir müssen uns sicher gegenüber einem falschen Dualismus scharf abgrenzen.[47] Die frühe Position AUGUSTINS (354-430), wonach der Körper lediglich Instrument des eigentlichen Menschen, nämlich der Seele, ist, läßt sich durch biblische Texte nicht belegen.[48] Aber ist der Monismus wirklich die einzige Alternative? Ich meine nein und empfehle das Festhalten an einem holistischen Dualismus[49], der sich gegen die Identität von Materie und Geist ausspricht, zumindest aber an einer epigenetischen Personalität festhält. Die Vorstellung, wir seien Sklaven unserer Gene, ist schlichtweg unakzeptabel.[50] Das Postulat eines im Labor nicht abbildbaren „Meta-Gehirns“, eben einer Seele oder eines „Ichs“, in dem die meßbaren vernetzten neuralen Prozesse des physischen Hirns zusammenlaufen und interpretiert werden, mag den Vertretern eines positivistischen Wissenschaftsparadigmas nicht behagen, aber es ist zumindest ebenso plausibel (m. E. plausibler), wie die Annahme, die „Erste-Person-Perspektive“ könne ausschließlich auf Hirnfunktionen beruhen. Um mit HEIDEGGER zu sprechen: „Es könnte doch sein, daß die Natur in der Seite, die sie der technischen Bemächtigung durch den Menschen zukehrt, ihr Wesen gerade verbirgt.“[51]

4.) Als Christen müssen wir uns schließlich in die Debatte um die Manipulation der menschlichen Natur vernehmlich einmischen.

Unser Auftrag besteht nicht ausschließlich in der Verkündigung des neuen Menschen in Christus Jesus, sondern auch im aktiven Eintreten für eine Erhaltungsethik zugunsten des von Gott geschaffenen und wertgeschätzten Lebens (vgl. z.B. Gen 1,28). So wichtig die Verkündigung der Guten Nachricht als Ruf zum persönlichen Heil ist, der Einsatz für die Würde des Menschen darf nicht vernachlässigt werden.[52] Der in christlichen Kreisen populären Privatisierung des Glaubens auf Fragen des eigenen Wohlbefindens muß couragiert entgegengewirkt werden. Die weit verbreitete Kulturfeindlichkeit und die beharrliche Weltverschlossenheit sollten ersetzt werden durch das offensive Eintreten für biblisch-realistische Werte in Kirche und Gesellschaft.

Ich denke in unserem Zusammenhang besonders an zwei Herausforderungen: Angesichts der augenblicklichen Lage brauchen wir dringend Leute, die sich fachlich angemessen mit den neu aufgeworfenen Fragen vertraut machen. Tatsächlich sind die Sachverhalte außerordentlich kompliziert; und die Einsichten ändern sich täglich. Wenn es keine Christen gibt, die für die laufenden Diskurse geeignete Studiengänge und Berufe wählen und es schaffen, die Materie zu verstehen und zu durchdringen, wird eine wissenschaftliche „Elite“ oder ein „Ethikrat“ Entscheidungen treffen, ohne auch nur den fachlichen Rat andersdenkender Leute vernehmen zu müssen. Es gibt sehr viel Arbeit auf diesem Gebiet und der Pool „evangelikaler“ Fachkräfte, die an innovativen Lösungen mitwirken können, ist klein.

Daneben sind wir verpflichtet, wo auch immer ausführbar, darauf hinzuweisen, daß gemäß biblischer Ethik dem Menschen die Definitionsgewalt dafür, wer Mensch ist und Menschenwürde genießt, völlig entzogen bleibt. Wenn der Mensch zu seinem Züchter wird und neue Ausleseverfahren eingeführt werden oder es zu einer „genetischen Reform der Gattungseigenschaften“[53] kommt, ist dies ein eklatanter Übergriff auf göttliche Zuständigkeiten, ein Zugriff auf Unantastbares. Wenn wir dieser Entwicklung nicht entgegentreten, ist letztlich keiner mehr sicher.[54]

Ob unser moralischer Einspruch etwas bewirkt oder nicht, eines Tages werden wir darüber Rechenschaft ablegen, ob wir hätten gehört werden können: „Wenn aber der Wächter das Schwert kommen sieht und nicht in die Posaune stößt und das Volk nicht gewarnt wird und das Schwert kommt und aus ihnen einen Menschen wegrafft, so wird dieser zwar um seiner Missetat willen weggerafft, aber sein Blut werde ich von der Hand des Wächters fordern“ (Ezechiel 33,6).

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Ron Kubsch, Geboren 1965 in Sachsen am Rande der Sächsischen Schweiz. 1979 Flucht des Vaters in die Bundesrepublik, 1982 Übersiedlung der Familie nach Düsseldorf. 1982 Bekehrung zum Christentum im Rahmen einer missionarischen Teestubenarbeit des EC in Düsseldorf. Bis 1985 Mitarbeiter der Teestube „Wegweiser“. Von 1985-1991 Ausbildung zum Pastor u. Missionar am Neues Leben Seminar in Wölmersen. Von 1991-2000 Leiter der sozial-missionarischen Initiative projekt L. Zusammen mit Familie von 1992-1998 wohnhaft in Litauen. Hilfe beim Aufbau eines Christlichen Verlages und des evangelikalen Journals Prizme. Von 1994-1996 Dozententätigkeit an der Pädagogischen Hochschule Siauliai und 1997-1998 an der Universität Vilnius. Von 1996-1998 Studium der Philosophie an der Fernuniversität Hagen. Von 1998-2000 tätig als Netzwerkadministrator der Neues Leben Gruppe. Seit 1998 Studium am Martin Bucer Seminar. Seit 1998 ebenfalls Assistentenstelle am Martin Bucer Seminar. Seit Herbst 1999 Mitarbeiter des Missionswerkes Campus für Christus. Dort tätig in der Abteilung „Mission Welt“,. Seit Januar 2002 vollzeitlich angestellt am Martin Bucer Seminar. Außerdem tätig für Campus für Christus als assoziierter Mitarbeiter (Schwerpunkt Litauen) und beim Instituts für Islamfragen. 

Fußnoten

[1] Ich benutze den Begriff „Humanismus“ hier im weiteren Sinn zur Bezeichnung von Systemen, bei denen der Mensch im Mittelpunkt steht und sich selbst zum ultimativen Maßstab für Erkennen und Handeln macht, nicht im Sinne der „studia humanitas“. Zu den Hauptproblemen der Humanismusforschung siehe: Lewis W. Spitz, „Humanismus“, Theologische Realenzyklopädie, Bd. 15 (Berlin-New York: Walter de Gruyter, 1993), bes. S. 641-643 u. 653-659.

[2] Giovanni Pico della Mirandola, Rede über die Würde des Menschen (Stuttgart: Philipp Reclam jun., 1997), S. 9.

[3] So wird schon im Alten Testament des Juden- und Christentums eine besondere Größe des Menschen skizziert (vgl. Gen 1,27-27; 5,1; 9,6). Man vermutet, daß in der mittleren Stoa (2.-1. Jhd. v. Chr.) ein Begriff der „Würde“ (avxi,wma), der die herausragende Stellung des Menschen im Kosmos und seine Vernunftbegabung berücksichtigte, aufgetreten sein mußte. Vgl. dazu: Victor Pöschl, „Der Begriff der Würde im Antiken Rom und später“, Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften (Heidelberg: Carl Winter Universitätsverlag, 1989), S. 10. Und bereits bei Cicero begegnet uns erstmalig eine „Würde“, die allen Menschen aufgrund ihres Menschseins gleichermaßen mitgegeben ist. Vgl. Ibid., S. 39-40. Pöschl schreibt, Ibid., S. 38: “Am folgenreichsten aber für die Geschichte des Begriffes der Menschenwürde war die Bestimmung der Natur des Menschen in Ciceros De officiis, aus der er die Pflichtenlehre entwickelt (off. l,105f.): ‚Bei jedem sittlichen Problem ist es wichtig, sich zu vergegenwärtigen, welch ungeheuren Vorrang die Natur des Menschen vor den zahmen und den übrigen Tieren hat. Diese empfinden nur Lust, und ihr ganzes Streben …‘“

[4] Hier besonders: Gianozzo Manetti, Über die Würde des Menschen und die Erhabenheit des Menschen, hrsg. v. August Buck (Hamburg: Meiner Verlag, 1990).

[5] Nikolaus sprach vom deus humanus bzw. dem secundus deus, also vom Menschen als zweitem Gott. Siehe: De coniecturis II, 14, 143 und De beryllo VI (hier bezieht sich Nikolaus auf Hermes Trismegistus).

[6] So deutlich Kurt Bayertz: „Die philosophische Idee der Menschenwürde gehört zu den Früchten jener langen kulturellen Umbruchsperiode, die wir zusammenfassend als „Renaissance“ bezeichnen.“ In: „Die Idee der Menschenwürde: Probleme und Paradoxien“, Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie, Vol. 81, Heft 4, 1995, S. 465.

[7] Vgl. Lewis W. Spitz, „Humanismus“, Ibid., S. 651, Abs. 45. Siehe auch Martin Brecht, Martin Luther (Stuttgart: Calwer Verlag, 1983), S. 48-53.

[8] „Unsere Würde besteht also im Denken; …“ Blaise Pascal, Über die Religion (Pensées) (Berlin: Verlag Labert Schneider, 1937), Fragment 165, S. 171.

[9] „The public worth of a man, which is the value set on him by the Commonwealth, is that which men commonly call dignity.“ Siehe: Thomas Hobbes; Leviathan, Kap. 10, Online: www.library.adelaide.edu.au/etext/h/h68l/chap10.html. 

[10] „Allein der Mensch als Person betrachtet, d.i. als Subjekt einer moralisch-praktischen Vernunft, ist über allen Preis erhaben; denn als ein solcher (homo noumenon) ist er nicht bloß als Mittel zu anderer ihren, ja selbst seinen eigenen Zwecken, sondern als Zweck an sich seihst zu schätzen, d.i. er besitzt eine Würde (einen absoluten innern Wert), wodurch er allen andern vernünftigen Weltwesen Achtung für ihn abnötigt, sich mit jedem anderen dieser Art messen und auf den Fuß der Gleichheit schätzen kann.“ Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten, S. 397. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 27264 (vgl. Immanuel Kant, Werke in zwölf Bänden, hrsg. von Wilhelm Weischedel (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1977), Bd. 8, S. 569.

[11] Kurt Bayertz, Ibid., S. 655.

[12] Theodor W. Adorno, „Wozu noch Philosophie“ [1962], in: ders., Eingriffe. Neun kritische Modelle (Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1963), S. 11-28, hier S. 24. Diese und die beiden nächsten Quellen verdanke ich einem Vortrag von Wolfgang Welsch zum Thema „Wandlungen im Humanen Selbstverständnis“, den er am 17. August 2000 in Alpach gehalten hat. Ihm sei herzlich dafür gedankt, daß er mir die Originalzitate zugänglich gemacht hat.

[13] „In unserer heutigen Zeit kann man nur noch in der Leere des verschwundenen Menschen denken.” Aus: Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge: Eine Archäologie der Humanwissenschaften [1966] (Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1971), S. 412.

[14] „Allen, die noch vom Menschen, von seiner Herrschaft oder von seiner Befreiung sprechen wollen, all jenen, die noch fragen nach dem Menschen in seiner Essenz, jenen, die von ihm ausgehen wollen, um zur Wahrheit zu gelangen, jenen umgekehrt, die alle Erkenntnis auf die Wahrheiten des Menschen selbst zurückführen, allen, die nicht formalisieren wollen, ohne zu anthropologisieren, die nicht mythologisieren wollen, ohne zu demystifizieren, die nicht denken wollen, ohne sogleich zu denken, daß es der Mensch ist, der denkt, all diesen Formen linker und linkischer Reflexion kann man nur ein philosophisches Lachen entgegensetzen – das heißt: ein zum Teil schweigendes Lachen.“ Loc. cit.

[15] Jean-François Lyotard, Der Widerstreit (München: Wilhelm Fink Verlag, 1987), S. 13. An anderer Stelle benennt Lyotard den Einsatz, um den es ihm in seinem Hauptwerk geht, wie folgt: „Das Vorurteil widerlegen, das sich in ihm [gemeint ist der Leser] über Jahrhunderte von Humanismus und »Humanwissenschaften« hinweg festgesetzt hatte: daß es nämlich den »Menschen« gibt, die »Sprache«, daß jener sich dieser »Sprache« zu seinen eigenen Zwecken bedient, daß das Verfehlen dieser Zwecke auf dem Mangel einer ausreichenden Kontrolle über die Sprache beruht, einer Kontrolle über die Sprache »mittels« einer »besseren« Sprache.“, Ibid., S. 11.

[16] E.M. Cioran, Der Absturz in die Zeit (Stuttgart: Klett Verlag, 1972), S. 84.

[17] Ulrich Horstmann, Das Untier (Wien-Berlin: Medusa Verlagsgesellschaft, 1983), S. 10.

[18] Ich denke hier besonders an Leute wie Ray Kurzweil oder Hans Moravec. Der Informatiker Bill Joy, Kopf der Firma „Sun Microsystems“ und Entwickler der Programmiersprache „Java“ beantwortet trotz seiner Skepsis gegenüber der Technisierung unserer Welt die Frage, ob er es für möglich halte, daß in einen Roboter ein geklontes menschliches Hirn eingepflanzt werden könne: „Es gibt Leute, die das für unmöglich halten. Ich gehöre nicht dazu. Für mich ist es klar, dass wir in – sagen wir – fünfzig Jahren einen Supercomputer erstellen können, dessen Rechenleistung der unseren Gehirns ebenbürtig ist.“ Aus: F.A.Z. vom 13.06.2000, S. 53.

[19] Die DNS zwischen Mensch und Schimpanse gleicht sich zu ca. 98%, die zwischen Mensch und Maus zu 92%. Vgl. „Geschwister im Geiste“ aus: DER SPIEGEL Nr. 35, 2000, S. 212-227. Online: www.spiegel.de/spiegel/0,1518,91630,00.html. 

[20] Inzwischen selbständig erschienen: Peter Sloterdijk, Regeln für den Menschenpark: Ein Antwortschreiben zu Heideggers Brief über den Humanismus (Frankfurt: Suhrkamp Verlag, 1999).

[21] Martin Heidegger, Über den Humanismus (Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann, 10., ergänzte Auflage 2000), S. 16f.

[22] „Der Mensch ist vielmehr vom Sein selbst in die Wahrheit des Seins »geworfen«, daß er, dergestalt ek-sistierend, die Wahrheit des Seins hüte, damit im Lichte des Seins das Seiende als das Seiende, das es ist, erscheine. Ob es und wie es erscheint, ob und wie Gott und die Götter, die Geschichte und die Natur in die Lichtung des Seins hereinkommen, an- und abwesen, entscheidet nicht der Mensch. Die Ankunft des Seienden beruht im Geschick des Seins. Für den Menschen aber bleibt die Frage, ob er in das Schickliche seines Wesens findet, das diesem Geschick entspricht; denn diesem gemäß hat er als der Existierende die Wahrheit des Seins zu hüten. Der Mensch ist der Hirt des Seins.“, Ibid., S. 22f.

[23] „Daß die Domestikation des Menschen das große Ungedachte ist, vor dem der Humanismus von der Antike bis in die Gegenwart die Augen abwandte – dies einzusehen genügt, um in tiefes Wasser zu geraten. Wo wir nicht mehr stehen können, dort steigt uns die Evidenz über den Kopf, daß es mit der erzieherischen Zähmung und Befreundung des Menschen mit den Buchstaben allein zu keiner Zeit getan sein konnte. Gewiß war das Lesen eine menschenbildende Großmacht – und sie ist es, in bescheideneren Dimensionen, noch immer; das Auslesen jedoch – wie auch immer es sich vollzogen haben mag – war stets als die Macht hinter der Macht im Spiel. Lektionen und Selektionen haben miteinander mehr zu tun als irgendein Kulturhistoriker zu bedenken willens und fähig war, und wenn es uns bis auf weiteres auch unmöglich scheint, den Zusammenhang zwischen Lesen und Auslesen hinreichend präzise zu rekonstruieren, so ist es doch mehr als eine unverbindliche Ahnung, daß dieser Zusammenhang als solcher seine Realität besitzt.

Die Schriftkultur selbst hat bis zu der kürzlich durchgesetzten allgemeinen Alphabetisierung scharf selektive Wirkungen gezeitigt; sie hat ihre Wirtsgesellschaften tief zerklüftet und zwischen den literaten und den illiteraten Menschen einen Graben aufgeworfen, dessen Unüberbrückbarkeit nahezu die Härte einer Spezies-Differenz erreichte. Wollte man, Heidegggers Abmahnungen zum Trotz, noch einmal anthropologisch reden, so ließen sich die Menschen historischer Zeiten definieren als die Tiere, von denen die einen lesen und schreiben können und die anderen nicht. Von hier aus ist es nur ein Schritt, wenn auch ein anspruchsvoller, zu der These, daß Menschen Tiere sind, von denen die einen ihresgleichen züchten, während die anderen die Gezüchteten sind – ein Gedanke, der seit Platos Erziehungs- und Staatsreflexionen zur pastoralen Folklore der Europäer gehört. Etwas hiervon klingt auf in Nietzsches oben zitiertem Satz, daß von den Menschen in den kleinen Häusern wenige wollen, die meisten aber nur gewollt sind. Nur gewollt sein heißt, bloß als Objekt, nicht als Subjekt von Auslese existieren.“ Ibid., S. 43f.

[24] Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, S. 94. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 67800 (vgl. Nietzsche-Werke Bd. 2, S. 332).

[25] Vgl. auch die Äußerung des eher nüchternen Kurz Bayertz: „Wir stehen nicht mehr nur vor der Frage, ob wir uns als eine biologische Art (theoretisch) deuten sollen, sondern vor der Frage, ob wir uns als biologische Art (praktisch) erhalten sollen.“, Ibid., S. 480.

[26] Sloterdijk schreibt in seiner Nachbemerkung zur im Suhrkamp Verlag selbständig erschienenen Rede: „Aus diesen Fragesätzen haben einzelne Publizisten Präskriptionen gemacht.“ Ibid., S. 60.

[27] Genauer gesagt in Europa seit 1890 u. in den U.S.A. seit ca.1935. Dazu und zur „Linie der Verweiflung“ vgl. z.B. Francis Schaeffer, Gott ist keine Illusion (Wuppertal: Brockhaus Verlag, 1974), S. 11f. u. S. 59f.

[28] In der Öffentlichkeit wurde der Eindruck erweckt, die Entschlüsselung des Erbguts sei abgeschlossen. Tatsächlich aber sind die bisher vorliegenden Ergebnisse so fehlerhaft, daß von einem Abschluß der Arbeiten noch lange nicht die Rede sein kann. Vgl. dazu Ulrich Bahnsen, „Bejubeltes Flickwerk“, Die Zeit, 26/2001. Online unter: www .zeit.de/2001/26/wissen/200126_genomflo p.html.

[29] www.transhumanismus.de/Dokumente/ep30.html. 

[30] Zitiert aus dem Manuskript von Peter Leusch, Die Menschenmaschine – Oder: das Ideal vom perfekten Menschen, Deutschlandfunk, gesendet am 31.08.2000 um 20:10 Uhr, S. 2.

[31] „Wenn wir es schaffen, uns von dem alptraumartigen Vermächtnis unserer genetischen Vergangenheit zu befreien, könnten wir bis an unser Lebensende reines, umfassendes orgastisches Glück genießen. Dieses Glücksgefühl müßte nicht unbedingt auf ein bestimmtes Objekt der Begierde gerichtet sein. Wir – oder wohl doch eher unsere von Robotern versorgten Nachkommen – wären also nicht auf etwas spezielles in der Außenwelt angewiesen, sondern vielmehr von Natur aus ekstatisch veranlagt. Gentechnisch vorprogrammierte Euphorie wäre so natürlich und unausweichlich wie das Atmen. Wir wären einfach nur glücklich um des Glücks willen.“ David Pearce, Der Hedonistische Imperativ, Absatz 0.3, www.transhumanismus.de/Dokumente/hed_imp1.htm.

[32] Rolf Degen, „Der freie Wille eine Illusion?“, F.A.Z. vom 14.07.1993, S. N3.

[33] Wie ich ich werde“, SPIEGEL Reporter vom 05. Januar 2001. Nachzulesen unter www.spiegel.de/sptv/reportage/0,1518,111006,00.html. Ähnlich Francis Crick: „‚Sie‘, Ihre Freuden und Leiden, Ihre Erinnerungen, Ihre Ziele, Ihr Sinn für Ihre eigene Identität und Willensfreiheit – bei alledem handelt es sich in Wirklichkeit nur um das Verhalten einer riesigen Ansammlung von Nervenzellen und dazugehörigen Molekülen.“ Francis Crick, Was die Seele wirklich ist: Die naturwissenschaftliche Erforschung des Bewußtsein (Reinbeck: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1997), S. 17.

[34] Loc. cit.

[35] DER SPIEGEL, „Das falsche Rot der Rose“, 1/2000. Der Text ist auch einzusehen unter: www.spiegel.de/spiegel/0,1518,109856,00.html. Ähnlich Singer in einem anderen Interview: „Könnten wir uns von einer höheren Warte aus betrachten, würden wir feststellen: Wir tun dies oder jenes, weil diese oder jene Faktoren uns dazu veranlassen. Zu diesen Determinanten zählen natürlich unsere Erfahrungen, unsere Überlegungen, die aber allesamt ein neuronales Korrelat haben. Da wir – auf unserer Ebene – aber diese Vielzahl der uns beeinflussenden Parameter nicht überblicken können, uns dessen aber nicht bewusst sind, liegt es nahe, unseren Handlungen Absicht zu unterstellen, uns Intentionalität und somit Freiheit zuzuschreiben.“ Aus: Die Zeit 50/2000. Online unter: www.zeit.de/2000/50/Hochschule/200050_wingert_singer.html.

[36] C.S. Lewis, Die Abschaffung des Menschen (Freiburg: JohannesVerlag Einsiedeln, 1993), S. 70.

[37] Emil Brunner, Gott und sein Rebell: Eine theologische Anthropologie (Hamburg: Rowohlt, 1958), S. 70-71.

[38] Die biblische Theologie kann übrigens durch die Ebenbildlichkeit befriedigend erklären, warum die einen den Menschen in die Nähe des Tieres, die anderen ihn in die Nähe des Göttlichen rücken. Während auch nach dem Sündenfall (vgl. Gen 3) der Mensch Ebenbild Gottes bleibt (vgl. Gen 9,6; 1Kor 11,7), ist eben diese Ebenbildlichkeit seit dem tragischen Ereignis verzerrt und manchmal bis fast zur Unkenntlichkeit entstellt. Was im konkreten Menschen sichtbar wird, ist beides: seine Herrlichkeit und Sündhaftigkeit.

[39] Siehe dazu die exzellente Replik von Thomas Sören Hoffmann auf den Versuch einer Neudefinition der Menschenwürde durch den Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, Hubert Markl, in: Thomas Sören Hoffmann, „Wer will unter die Piraten?“, F.A.Z., 23.08.01. 2001, Nr. 195, S. 42. Vgl. Hubert Markl, „Von Caesar lernen heißt forschen lernen“, F.A..Z., 25.06.2001, Nr. 144, S. 52. Siehe auch online: www.welt.de/go/markl. 

[40] Viktor Pöschl, Ibid., S. 43-44.

[41] Zu welch schweren gesundheitlichen Schädigungen z.B. praktizierte Homosexualität führen kann, dokumentierte Thomas E. Schmidt. Er hat die bis Mitte der Neunzigerjahre publizierten Artikel in führenden medizinischen und sexualwissenschaftlichen Fachzeitschriften ausgewertet und kommt zu dem Resümee: „Beim grössten Teil der homosexuellen Männer und bei einem bedeutenden Teil der homosexuellen Frauen ist das Sexualverhalten, auch abgesehen von Aids, zwanghaft, psychopathologisch und zerstörerisch für den Körper.“ Vgl. Thomas E. Schmidt, “Der Preis der Liebe”, in Russell Hillard u. Walter Fasser (Hg.), Homosexualität verstehen 2: Medizinische, verhaltensgenetische, und theologische Aspekte (Zürich: VBG-Verlag,1998) Das ganze Buch: Thomas E. Schmidt, Straight and Narrow? Compasion & Clarity in the Homosexual Debate (Downer Grove, Illinois: InterVarsity, 1995).

[42] Vgl. dazu das von Bayertz umrissene „Dilemma der Selbsttranszendierung“ in: Kurt Bayertz Ibid., S. 480f. Bayertz stellt uns dort vor die Wahl, entweder die Natur freizugeben oder aber als normativ und verbindlich zu erklären. Wir haben die Wahl, entweder die Würde zu wahren und den Menschen zu opfern oder aber den Menschen zu retten und damit seine „Würde über Bord zu werfen“. Genau dieses Dilemma stellt sich einem christlichen Weltverständnis nicht, da wir weder gezwungen sind, von einer uneingeschränkten Selbstbestimmung zu reden, noch die Natur als solche für normativ zu erklären. Verbindlich sind diese Quellen nur dann, insofern sie mit der Selbstoffenbarung Gottes, mit der norma normans, korrespondieren.

[43] Schon bei Homer (8. Jhd. v. Chr.) wird problematisiert, ob der menschliche Wille angesichts der die Weltgeschichte lenkenden Götter nicht bloße Illusion sei. Vgl. E. Schott, „Willensfreiheit“ in RGG,Bd. 6(Tübingen: J. C. B. Mohr (Pauls Siebeck, 1986), Sp. 1721.

[44] Einige Literaturhinweise für ein vertiefendes Studium: Aurelius Augustinus, Der Gottesstaat (Freiburg; Johannes Verlag, 1996); Johannes Calvin, Institutio christianae religionis (Neukirchen-Vluyn: Neukrichener Verlag, 1984); Thomas von Aquino, Summe der Theologie, Bd. 1: Gott und die Schöpfung, hrsg. von Jospeph Bernhart (Stuttgart: Kröner Verlag, 1985); Alvin Platinga, Gott, Freedom and Evil (Grand Rapids: Eerdmans, 1974); James I. Packer, Prädestination und Verantwortung, (Wuppertal: R. Brockhaus Verlag, 1964); G. C. Berkouwer, The Providence of God (Grand Rapids: Eerdmans, 1972); David Basinger u. Randall Basinger, Hg., Die Weltregierung Gottes und die Freiheit des Menschen (Marburg: Verlag der Francke-Buchhandlung, 1987). Für eine Einführung in die Debatte aus Sicht der Philosophie und Naturwissenschaft siehe: Ted Honderich, Wie frei sind wir? Das Determinismusproblem (Stuttgart: Philipp Reclam jun., 1995).

[45] Vgl. Immanuel Kant, Werke in zwölf Bänden, hrsg. von Wilhelm Weischedel (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1977), Bd. 7, S. 93f.

[46] Wolfhart Pannenberg, Was ist der Mensch? Die Anthropologie der Gegenwart im Lichte der Theologie(Göttingen: Vandenhoeck & Rupprecht, 1964), S. 35-36.

[47] Als unbiblisch zurückgewiesen werden muß z.B. ein Dualismus im Sinne Platons. Solange der Mensch lebt, muß er als Einheit von Leib und Geist bzw. Seele verstanden werden. Die Seele ist auf den Leib angewiesen und bezogen, der Leib auf die Seele. Der Mensch ist wesensmäßig mysteriös mit der Stofflichkeit verbunden. Dabei ist die stoffliche Natur niemals im moralischen Sinne als die „niedere“ Seite der menschlichen Natur zu betrachten und der Geist als die „höhere“. Der Körper ist nicht schlechter als der Geist! Beide sind gut in dem Sinn, daß sie von Gott geschaffen wurden, beide sind aber auch schlecht in dem Sinn, daß sie seit dem Sündenfall unter dem Einfluß der Sünde stehen. Die weit verbreitete, platonisch-gnostische Auffassung, daß uns der Leib zur Sünde verführt und der Geist mit Gott in Verbindung steht, läßt sich biblisch nicht begründen (so kam beispielsweise auch Jesus im Fleisch).

[48] Z.B.: “Und ich antwortete: ich bin ein Mensch aus Leib und aus Seele, die sind an mir das Aeußere und Innere. In was hier habe ich meinen Gott zu suchen, der ich mit meinem Leibe schon suchen gieng von der Erde bis zum Himmel, so weit ich senden konnte meine Boten, die Strahlen meiner Augen? aber höher steht mein innerer Mensch, denn der war der Herr jener Boten, er sandte sie, und vor sein Urtheil brachten sie der Antworten jede, die ihnen Himmel und Erde gaben, da sie sprachen: wir sind nicht Gott, aber er schuf uns. Das erfuhr der innere Mensch durch den Dienst des äußern; ich, ich die Seele erkannte das durch die leiblichen Sinne.“ Aurelius Augustinus, Die Bekenntnisse (Stuttgart: S. G. Liesching, 1863), S. 239.

[49] Vgl. dazu: John W. Cooper, Body, Soul & Life Everlasting: Biblical Anthropology and the Monism-Dualism Debate, (Leicester: Apollos, 2000) u. J.P. Moreland and Scott B. Rea, Body & Soul: Human Nature & the Crisis in Ethics (Downers Grove, Illinois: InterVarity Press, 2000).

[50] Mir ist klar, daß das alles andere als einfache Fragen sind. Aber sie sind wichtig. Interessanterweise findet man bei genauem Hinsehen auch unter den Genetikern bissige Kritiker der Vorstellung, daß das ganze Sein eines Menschen in seinen Genen festgeschrieben sei. Bemerkenswert z.B. die Äußerungen von Friedrich Cramer, ehemaliger Direktor des Max-Planck-Institutes für experimentelle Medizin und Mitarbeiter von J. Watson und F. Crick.: „Was die Gene programmieren, ist lediglich das Grundgerüst, das zwischen Affen und Mensch nicht unähnlich ist. Aber die höheren Funktionen, die geistigen Funktionen, das Denken, das Soziale, die Seele sind epigenetisch.“ Und: „Wir sind schon seit Jahrhunderten in das postgenetische oder epigenetische Zeitalter eingetreten. Das bedeutet, dass das Konzept von Genen und Transkriptionsverfahren der Zelle das nächste Jahrzehnt nicht überleben wird. Das Mendelsche und das Watson-Cricksche-Gen wird dann nur doch [sic] die Rolle spielen, das das vergangene ptolemäische Weltbild in der Wissenschaft gespielt hat.“ Aus: „Wir haben in der Genforschung einen falschen Ansatz“, Psychologie heute, Heft 9/2001, S. 29.

Ähnliches gilt auch für die Bewußtseinsforschung. Die Bekenntnisse von Hans-Jochen Heinze, Direktor der Klinik für Neurologie II und Mitglied des Leibnitz-Intituts für Neurobiologie in Magdeburg klingen schon wesentlich bescheidener, als die seines Kollegen W. Singer: „Die neurobiologische Kompetenz hinsichtlich geisteswissenschaftlicher Fragestellungen ist begrenzt. Die Fortschritte der Kognitionsforschung implizieren keineswegs, daß ein Paradigmenwechsel stattgefunden hätte, der das Verhältnis von biologischen und geistigen Strukturen neu ordnen und bewerten würde. Der Neurobiologe untersucht ja nicht die Beschaffenheit und Logik geistiger Strukturen, sondern er präzisiert bestimmte Bedingungen, unter denen diese Strukturen repräsentiert und erfahrbar werden. Die Tatsache, daß wir jetzt in einem konkreten Sinn von neuralen Korrelaten von Bewußtsein sprechen können, ist kein philosophischer, sondern ein praktisch-medizinischer Fortschritt. Er ermöglicht es, Störungen des Bewußtseins auf neuraler Ebene zu identifizieren und in Zukunft wahrscheinlich auch zu therapieren. Wenn man von einem philosophischen Beitrag der biologischen Bewußtseinsforschung sprechen will, so liegt der auf einer ganz anderen Ebene. Hinter diesen Untersuchungen steht doch die zentrale Frage nach dem Verhältnis von Geist und Gehirn: Wird die neurobiologische Aufklärung am Ende den Geist zu einem kruden Reflex des Gehirns degradieren? In der Tat sind einige Neurobiologen genau dieser Auffassung. Sie sagen, unser bewußtes Verstehen der Welt, unser Streben nach Sinnhaftigkeit sei nichts anderes als die automatische Aktivität bestimmter Hirnareale, gewissermaßen nur ein nachgeschobener Kommentar auf Aktionen des autonomen Gehirns. Ein solcher Reduktionismus greift zu kurz, nicht nur wegen des logischen Widerspruchs, den solche globalen Aussagen in sich tragen. Denn er setzt voraus, daß wir Bewußtsein als neurales, respektive als physiko-chemisches Ereignis erklären können. Aber das ist nicht der Fall. Wir können zwar lokale Relationen zwischen Bewußtsein und Gehirn abbilden, wir können diese Relationen in Zeit und Raum immer weiter differenzieren, aber wir werden – auf diese Weise jedenfalls – der entscheidenden Frage nicht näherkommen: Was haben Neurone überhaupt mit Bewußtsein zu tun? Was verbindet physikalische und chemische Prozesse mit innerem Erleben?“ Aus: F.A.Z., 09.07.01. 2001, Nr. 156, S. 48.

Auch Peter Sloterdijk hat sich, was die Umprogrammierung des Menschen anbetrifft, schon wesentlich zurückhaltender geäußert, als sein Vortrag 1999 das hätte erwarten lassen: „Die deutsche Nobelpreisträgerin Nüsslein-Vollhart ist sogar der Meinung, dass wir nicht ein einziges Gen wirklich verstehen, das heißt in seiner gesamten Wirkung durchschauen. Das Genom verstehen, ist eine Jahrhundertarbeit. Ich denke auch, dass die Genetiker die Kulturphilosophen bald wieder brauchen werden, um neue, intelligentere Fragen an die Gene stellen zu können. Die Befragung des Materials ist zur Zeit durch und durch medikokratisch vorcodiert. Das ist zu eng. Man sucht nach Krankheitsanlagen. Das sind Einbahnstraßen der Forschung.“ Aus: Peter Sloterdijk im Interview: „Ich glaube nicht an den Gott, der Hasenscharten schuf“, Tagespiegel 08.03.2001, www2.tagesspiegel.de/archiv/2001/03/07/ak-po449607.html. 

[51] Martin Heidegger, Ibid., S. 16.

[52] Ermutigend hingegen die Stellungnahme der Evangelischen Allianz „Die Würde des Menschen ist die Perle des Rechtsstaates“ vom Juli 2001, S. 10: „In der Diskussion um die Würde des Menschen erkennen wir: Unsere Probleme hängen eng damit zusammen, dass immer mehr Menschen immer weniger sich selbst und andere Menschen als Gottes Geschöpf betrachten. Sie sehen sich infolge dieser Entwicklung auch immer weniger für den Schutz der Menschenwürde verantwortlich. Der Gottes-Verlust führt langfristig zum Werte-Verlust: Humanität ohne Bindung an Gott kann auch zur Inhumanität gegenüber den Schwachen führen und deren Lebensrecht bedrohen. Wir können und wollen als Christen aus verschiedenen Kirchen gemeinsam mit Ernst darauf hinweisen, dass für alle Menschen, auch wenn sie sich nicht zum christlichen Glauben bekennen, Gottes Gebote und das biblische Menschenbild eine lebensfördernde Orientierung sowohl für das öffentliche als auch das private Handeln bieten. Dass dies der Fall ist, lehrt uns auch die Geschichte. Abendländische Kultur und Tradition ist ohne das Christentum und seine Werte nicht denkbar. Deshalb erinnern wir daran, dass es einen wert-neutralen Staat nicht gibt, weil die sogenannte Neutralität entweder zu einem Werte-Vakuum oder zur ideologischen Fremdbestimmung und damit zum Verlust an Menschlichkeit führt. Das christliche Menschenbild bietet auch im 21. Jahrhundert die beste Orientierungshilfe für die zu treffenden ethischen Entscheidungen in einer humanen Gemeinschaft.“ Die Stellungnahme ist zu beziehen bei: Deutsche Evangelische Allianz, Olgastr. 57a, 70182 Stuttgart.

[53] Peter Sloterdijk, Ibid., S. 46.

[54] Vgl. auch: Thomas Schirrmacher u. Ron Kubsch, „Die Alpträume des James D. Watson“, Professorenforum-Journal, Vol. 2, No. 3/2001., S. 44. Online unter: ww.professorenforum.de/volumes/index.html.

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