Strategische Partnerschaften: Zusammen christliche Bildungsverantwortung ergreifen

Vortrag auf dem deutsch-georgischen Bildungssymposium, 23.-25.11.2018 in Wien

Meine sehr verehrten Damen und Herren, 

 

wie Sebastian Engelhardt gerade schon dargestellt hat, braucht es Partner in der christlichen Bildungswelt in Europa, denn anders als in den Vereinigten Staaten von Amerika haben wir nicht mehr die Infrastruktur von christlichen Universitäten. In den USA und Kanada gibt es laut des Council of Christian Colleges & Universities heutzutage über 150 Christus-zentrierte Universitäten mit 445.000 Studenten und 72.000 Mitarbeitern. Damit sind 2,19 Prozent der US-amerikanischen Universitäten an CCCU-Institutionen eingeschrieben. Dabei muss man sagen, dass es neben den CCCU-Institutionen in den USA noch 232 Seminaries, 287 römisch-katholische Universitäten und ein paar hundert andere höhere christliche Bildungsinstitutionen gibt. Zählt man diese Studenten auch noch dazu, kommt man sogar auf 9,36 Prozent. Wenn man in Deutschland den Anteil von Studenten an staatlich anerkannten christlichen Hochschulen aufwiegt, kommt man dagegen nur auf 0,05 Prozent. 

 

Das zeigt, dass es starke Partnerschaften braucht, um wieder eine politische Bedeutsamkeit zu erlangen. Herr Engelhardt hat es schon gesagt: die Freie Evangelische Schule Lörrach ist mit 2.100 Schülern die größte Schule ihrer Art in Süddeutschland. Doch was machen genau diese Schüler, wenn sie einmal ihren Abschluss haben? Wenn sie nicht Theologie, Soziale Arbeit oder Pädagogik studieren möchten, dann haben sie eigentlich nur die Wahl, an eine säkulare Universität oder Hochschule zu gehen.

 

 

Das Heidelberg Institute: Geschichte, Vision, Partnerschaften und Geschäftsmodell

Um genau hier zukünftig Angebote zu schaffen, haben sich jedoch die Freie Evangelische Schule Lörrach und das Heidelberg Institute for International Studies & Leadership zusammengetan. Doch bevor ich näher auf die Partnerschaft eingehe, möchte ich Ihnen zunächst das Institut an sich vorstellen. Nachdem Prof. Dr. Harald Jung schon vor 20 Jahren den Gedanken einer christlichen Universität hatte, ich selbst fünf Jahre lang Betriebswirtschaft und Politikwissenschaften an der California Baptist University studierte und dort 2010 ebenso die Vision für so eine Universität in Deutschland bekam und dann der Immobilienunternehmer Karl J. Möckel zu uns stoß, gründeten wir drei Partner 2016 die HI+edu GmbH – Heidelberg Institute for International Studies & Leadership. Unsere Vision ist es, Christen auf einem akademischen Niveau in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur wieder sprechfähig zu machen, sodass sie wieder beginnen, sich aktiv an öffentlichen Debatten und am öffentlichen Handeln zu beteiligen. Dabei sehen wir uns weniger als Glaubensverteidiger, sondern folgen den pädagogischen Ansätzen des US-amerikanischen Religionsphilosophen Prof. Dr. Arthur F. Holmes (1924 – 2011), der einst in seinem Buch „Die Idee für eine christliche Hochschule“ schrieb: „Ein Dozent sollte nicht die Frage stellen, was seine Studenten mit der Lehre machen können, sondern die richtige Frage sollte lauten: ‚Was wird diese Lehre mit ihnen machen? Welche Männer und Frauen werden sie, indem sie mit dem Lernstoff durch meine Präsentation dessen ringen? Und welche Art von Material und Methoden könnte ich entwickeln, um ihnen zu helfen, mehr zu den Menschen zu werden, zu denen sie das Potenzial haben?‘“ (1987, S. 24). Es geht also um Bildung von Menschen in unserem Institut.

 

Doch wenn man bedenkt, dass es in Deutschland zurzeit nur mehr oder weniger fünf konservativ-theologische staatlich akkreditierte Hochschulen gibt, die vorzüglich Studiengänge in Geistes-, Sozial- und Humanwissenschaften anbieten, dann braucht es strategische Partnerschaften, um zum Beispiel auch christliche Wirtschaftsfakultäten aufzubauen. Das Heidelberg Institute hat das 2016 erkannt und begann damals eine einjährige Phase, um sich einen Beirat aus christlichen Experten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft aufzubauen. Beiratsvorsitzender ist zum Beispiel ein deutscher Diplomat, Dr. Georg Schulze Zumkley, der stellv. Referatsleiter des Kabinetts- und Parlamentsreferats im Auswärtigen Amt in Berlin ist. Auch Hans-Joachim Hahn, Koordinator des Professorenforums, gehört diesem Beirat an. Dieser Beirat hat drei Funktionen für das Institut: (1.) Beratung beim Aufbau von Programmen, (2.) Bereitstellung eines Netzwerkes und (3.) Sicherstellung einer positiven Reputation. 

 

Bereits im Herbst 2016 suchte das Institut auch Kontakt zu US-amerikanischen christlichen Universitäten. Über das Beiratsmitglied Dr. Kimberly Thornbury, Vizepräsidentin für strategische Planungen am The King’s College in New York City, wurde ein Kontakt zum International Business Institute am Messiah College hergestellt, der schließlich dazu führte, dass uns im Mai 2017 und Mai 2018 jeweils über 35 Studenten verschiedener US-amerikanischer christlicher Universitäten besuchten und an einem einwöchigen Programm teilnahmen, das unsererseits Firmen- und Institutionsbesuche, wie zum Beispiel bei der Europäischen Zentralbank, und externe Referenten enthielt. Ziel war es, sich bei Institutionen und Unternehmen in der Rhein-Main-Neckar-Region als neuer akademischer Partner zu etablieren und sich gleichzeitig den US-Amerikanern als neuer Partner in Zentraleuropa anzubieten, denn wie zu Anfang schon erläutert, sind die USA heute das Mutterland christlicher Bildung. Diese Verbindung gab uns auch die Möglichkeit, bei den Besuchen dieser Gruppen, Netzwerkabendessen und -frühstücke anzubieten, zu denen wir deutsche Unternehmer, Politiker und Studenten aus der Region Heidelberg und Mannheim einluden, um uns auch dort bekannter zu machen. 

 

Gerade 2017 entwickelten sich nach diesen ersten Kontakten in die USA – wobei mir mein fünfjähriges Studium an der California Baptist University immer wieder half – weitere Kontakte zu christlichen Hochschulen. Im März 2017 wurde ich dann als Referent über ein italienisches Beiratsmitglied an die Päpstliche Lateranuniversität nach Rom eingeladen, um dort beim Internationalen Festival der Kreativität in Gemeindemanagement einen Vortrag zu halten. Daraus entwickelten sich wiederum Kontakte zur Villanova University in den USA. Im Mai wurden Prof. Jung und ich schließlich als Mitorganisatoren und Referenten zu einer Konferenz an die Emanuel University nach Oradea, Rumänien, eingeladen. Der Kontakt kam über ein Hochschulratsmitglied meiner Alma Mater zustande. 

Aus all diesen Kontakten entwickelten sich für uns vier Geschäftssäulen: 

  

Abbildung 1: Geschäftsmodell der HI+edu GmbH

 

Dabei besteht das Kerngeschäft des Institutes im Aufbau der Master-Programme. Master-Programme werden zunächst den Bachelor-Programmen vorgezogen, weil sie nicht so kostenintensiv sind und hier zunächst durch christliche Hochschulabsolventen ein größerer Markt existiert. Aufgrund unserer Beiratszusammensetzung aus einem Diplomaten, zwei Politikwissenschaftlern für internationale Politik und vergleichende Politikwissenschaften und vieler weiterer Kontakte macht es für uns zunächst Sinn, auch in diesem Bereich ein Master-Programm anzubieten. 

 

Natürlich ist es dem Institut zudem ein Anliegen, zukünftig auch öffentliche Debatten mitzubestimmen bzw. sich daran durch wissenschaftliche Beiträge zu beteiligen, weshalb der Bereich Forschung und Beratung nachliegend ebenso wichtig ist. In diesem Bereich hat das Heidelberg Institute im Sommer 2018 unter Leitung des ehem. Senior Market Infrastructure Expert der EZB, Rosen Ivanov, das Center for Fair Economics & Finance gegründet, das eigenständig wissenschaftliche Forschungsergebnisse herausgibt und Seminare anbietet. 

 

Wie vorhin schon angedeutet, sind zurzeit auch die Studienreisen US-amerikanischer, christlicher Studentengruppe ein integraler Teil des Instituts. Diese Geschäftssäule ist zurzeit auch die Säule, die im Kapitalbereich das Flaggschiff darstellt, da gerade 100 Prozent des Institutsumsatzes durch diese Art Programme generiert wird. 

 

Die vierte und letzte Säule ist die Basissäule, welche die geringsten Ressourcen aufwendet. Hier werden junge Christen gezielt in ihren Ausbildungs-, Berufs- und Engagement-Zielen gefördert, indem zum Beispiel Vertreter des Instituts Gutachten für Stipendien zu Personen schreiben und Schüler, Studenten und junge Berufstätige mit dem Netzwerk des Institutes verbinden. Hierfür wurde eigens das Purpose Center installiert. 

 

Diese vier Tätigkeitssäulen funktionieren letztendlich als Grundsteine für eine christliche Universität in Zentraleuropa, die das Institut plant. 

 

Strategische Partnerschaft mit der Freien Evangelischen Schule Lörrach

Daran haben das Heidelberg Institute und die Freie Evangelische Schule Lörrach ein gemeinsames Interesse. Über Hans-Joachim Hahn kam Anfang 2018 für das Institut eine Verbindung zu Sebastian Engelhardt und der Freien Evangelischen Schule Lörrach zustande. Hans-Joachim Hahn sprach damals davon, dass Sebastian Engelhardt gerne eine christliche Pädagogen-Ausbildung sehen wollen würde, wozu es eben einen christlichen Lehramtsstudiengang bräuchte. In einem ersten Workshop-Treffen am 14. Mai 2018 trafen sich Vertreter des Heidelberg Institutes, der Freien Evangelischen Schule Lörrach und Experten aus der Hochschulbildung, wie vom Professorenforum, von der Internationalen Hochschule Liebenzell und der Universität Basel. 

 

Zusammen beschloss die Gruppe zunächst ein Zertifikatsprogramm für Gesellschaftstransformation anzubieten, bei dem aus dem Netzwerk des Professorenforums und des Heidelberg Institutes Dozenten gewonnen werden sollen, um an verschiedenen Wochenenden Schülern der FES Lörrach durch Vorlesungen eine Studienorientierung zu bieten. In einer zweiten Phase soll dadurch ein gesellschaftswissenschaftliches Propädeutikum entwickelt werden, das in einer dritten Phase dann zur Gründung von Studiengängen führen soll. Hier wäre dann der Vorteil, dass man durch die Nachfragezahlen aus der Studienorientierung und des gesellschaftswissenschaftlichen Propädeutikums bereits erkennen kann, in welchem Bereich auch Studiengänge aufgebaut werden sollten. 

 

Dabei kann zu Anfang das Konzept des Academic Franchising genutzt werden, indem man die institutionelle Akkreditierung einer bestehenden christlichen Hochschule nutzt, ihr dafür eine Lizenzgebühr zahlt und dann nur noch die akademischen Programme akkreditieren lässt, an denen man natürlich dann auch das geistige Eigentum hält. Diese Methode kann natürlich nur eine temporäre Lösung sein, denn der Wissenschaftsrat scheint dieser Form des Hochschulstudiums eher kritisch gegenüber zu stehen: „Konstellationen, in denen die gradverleihende Hochschule einen rechtlich selbstständigen nicht-hochschulischen Bildungsträger mit der Durchführung eines ihrer Studiengänge beauftragt, rechtfertigen erhebliche Zweifel an der Gewährleistung gleichwertiger Standards.“ (2017, S. 63). 

 

Nichtsdestotrotz: zurzeit ist das Heidelberg Institute Vermittler genau dieser Methode. Ein kleines christlich-geführtes Institut, das bisher über eine privat-säkulare Universität ein MBA-Programm anbot, bat uns Anfang des Jahres, nach einer christlichen Hochschule in Deutschland zu suchen, um dort ein neues Institut zu gründen, das schließlich das bereits akkreditierte MBA-Programm anbieten könnte. Geplant ist, dass sich ggf. auch das Heidelberg Institute mit seinen Programmen zu gegebener Zeit dort anschließt. Leider kann ich Ihnen hier noch nicht allzu viel mitteilen, da wir noch mitten in der Verhandlungsphase stecken. Das Beispiel verdeutlicht Ihnen jedoch einen Handlungsansatz, um die strategische Partnerschaft zwischen FES Lörrach und Heidelberg Institute in neue, tiefere Fahrwasser zu bringen. 

 

Zusammenfassung

Generell müssen wir uns bewusst sein, dass der Wissenschaftsrat und die deutsche Universitätsszene nicht auf Angebote von Organisationen wie dem Heidelberg Institute und der FES Lörrach warten, weshalb es gerade hier Zusammenarbeit braucht. Für mich als Reserveoffizier gelten hier die Worte Generalmajors Carl von Clausewitz (1780-1831): „Das Gesetz, das wir zu entwickeln versuchten, ist also: Alle Kräfte, welche für einen strategischen Zweck bestimmt und vorhanden sind, sollen gleichzeitig auf denselben verwendet werden, und diese Verwendung wird umso vollkommener sein, je mehr alles in einen Akt und einen Moment zusammengedrängt wird. Es gibt aber darum doch einen Nachdruck und eine nachhaltige Wirkung in der Strategie, und wir können sie umso weniger übersehen, als sie ein Hauptmittel des endlichen Erfolges ist, nämlich die fortdauernde Entwicklung neuer Kräfte.“ Dabei ist diese Entwicklung neuer Kräfte gar nicht so schwer. Es braucht eigentlich nur Mut, aufeinander zuzugehen und Mut zum Handeln. Wir dürfen nicht in Beliebigkeit und Schwatzhaftigkeit verfallen, sondern müssen das, was oft vor uns in der Schwebe ist, tapfer ergreifen oder, wie es Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) ausgedrückt hat, „nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen, nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen, nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit.“ Und deshalb gilt es: Zusammen christliche Bildungsverantwortung ergreifen. 

 

 

[1] CCCU: About. (2018). Council of Christian Colleges and Universities. Entnommen am 29.09.2018 durch https://www.cccu.org/about/. 

[2] Holmes, A.F. (1987). The Idea of a Christian College. Grand Rapids, MI: B. Eerdmans Publishing, S. 24. 

[3] Bestandsaufnahme und Empfehlungen zu studiengangsbezogene Kooperationen: Franchise-, Validierungs- und Anrechnungsmodelle. (20.01.2017). Wissenschaftsrat der Bundesrepublik Deutschland. Entnommen am 07.10.2018 durch https://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/5952-17.pdf. 

[4] Von Clausewitz, C. (2017). Vom Kriege. Hamburg: Nikol Verlagsgesellschaft mbH. S. 217.

[5] Bonhoeffer, D. (2011). Widerstand und Ergebung: Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft. In Gremmels, C., Bethge, E. & Bethge, R.: DBW Band 8. München: Random House, S. 571.

 

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Lucas Wehner MBA, Gesellschafter des Heidelberg Institute; Consultant of the Executive Committee, IHL