Herausforderungen für Christen in der Bildung heute

Vortrag auf dem deutsch-georgischen Bildungssymposium, 23.-25.11.2018 in Wien

Sehr geehrte Damen und Herren!

Christen sollen Wissenschaft und Bildung betreiben

Wissenschaft zu betreiben ist aus christlicher Sicht eine Möglichkeit, die Gott geschaffen hat. Er mußte dazu die Materie auf eine bestimmte Weise erschaffen, und er mußte Erkenntnisfähigkeiten im Menschen erschaffen. Ich gehe in diesem Vortrag davon aus, daß Wissenschaft wertvoll und eine Christen von Gott gegebene Aufgabe ist.

Ich gehe ferner davon aus, daß die Erziehung und Bildung der Kinder eine überaus wichtige, Christen von Gott gegebene Aufgabe ist. Christen sollen ihren Kindern helfen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und Wissen zu erlangen. Christen sollen ihren Kindern helfen zu erkennen, was schön, was wahr und was gut ist.

In diesem Vortrag möchte ich darlegen, wo die größten Herausforderungen und Aufgaben für Christen im Bereich Bildung heute liegen.

Christen haben die Bildung dem Staat überlassen

Es ist nicht überraschend, daß es Christen waren, die die Philosophie und die Naturwissenschaft besonders vorangetrieben haben. Und sie haben der Erziehung und Bildung ihrer Kinder viel Mühe, Zeit und Geld gewidmet.

Besonders in Deutschland haben Christen jedoch Wissenschaft und Bildung mit der Zeit immer mehr dem Staat übertragen und überlassen. Als Beispiel sei nur genannt, daß der evangelische Christ Franz Albert Schulz (1692–1763) in Preußen für Friedrich Wilhelm I. ein staatliches Schulsystem aufgebaut hat. Friedrich Wilhelm I. stand dem Christentum freundlich gegenüber, daher glaubte Schultz anscheinend, es sei gut, ein staatliches Schulsystem aufzubauen. Unter Friedrich II. dann, der dem Christentum feindlich gegenüberstand, schwandt Schultz' Einfluß. Christen haben dem Staat die Bildung überlassen und gehofft, daß der Staat das gut und christlich machen wird. Das war ein folgenschwerer Fehler. Unseren Freunden aus Georgien wünsche ich an dieser Stelle mehr Weisheit im Umgang mit dem Staat.

Der Staat hat in Deutschland Wissenschaft und Bildung immer mehr kontrolliert und an staatlichen Institutionen selbst durchgeführt. Daher gibt es in Deutschland wenige private christliche Institutionen für Wissenschaft und Bildung. Der Pietismus und die Freikirchen haben zwar private Missionswerke hervorgebracht, aber keine privaten Universitäten oder Forschungseinrichtungen und nur wenige Schulen. Christen haben Wissenschaft und Bildung dem Staat überlassen.

Ich möchte zwei Gründe nennen, weshalb das ein Fehler war.

Erstens ist der Versuch, allen Menschen mit Staatsgewalt die eigenen Vorstellungen aufzuzwingen, unmoralisch und dem Evangelium nicht entsprechend. Keiner hat das Recht, andere dazu zu zwingen, eine Schule zu besuchen. Christen trugen dem meist insofern Rechnung, als Alternativen zum Schulbesuch erlaubt waren. Einen Schulzwang führten erst die Nationalsozialisten mit dem Reichsschulpflichtgesetz 1938 ein, dessen Inhalt in Deutschland bis heute erhalten geblieben ist.

Anders gesagt: Der Mensch hat von Gott die Aufgabe, mit seiner Arbeit, mit seiner Zeit, mit seinen Mitteln, mit seinem Geld die Welt zu verbessern und zu gestalten. Das Vorhaben, die Welt mit kollektivem Zwang und mit durch Zwang eingetriebenem, also enteignetem Geld zu verbessern, ist unmoralisch und gegen die christliche Weltanschauung.

Der zweite Grund, weshalb es schlecht ist, wenn Christen die Bildung dem Staat überlassen, ist, daß nicht zu erwarten ist, daß der Staat die Bildung gut und im Sinne der Christen machen wird. Viele Deutsche sind damit einverstanden, daß der Staat die Bildung in der Hand hat, sie beschweren sich nur darüber, daß er es nicht so macht, wie sie es gerne hätten. Sie sagen, der Staat müsse die Qualität der Bildung sicherstellen.

Der Denkfehler dieser Etatisten ist, daß sie denken "Soundso sollte es sein, so sollte der Staat das machen". Aber der Staat ist keine Person, er ist kein moralisches Subjekt. Moralische Wahrheiten motivieren ihn nicht. Die Handlungsanreize der Menschen, die das staatliche Handeln hervorbringen, sind nicht so, daß der Staat vom Guten geleitet werden könnte. Es ist deshalb nicht zu erwarten, daß der Staat bessere Bildung hervorbringt als die Menschen desselben Landes und private Institutionen das täten.

Ein zweiter Grund, weshalb die Hoffnung auf den Staat unberechtigt ist, ist, daß der Staat kein Motiv dazu hat, Kunden zu gewinnen und zufriedenzustellen.

Ein dritter Grund ist, daß bei staatlichen Tätigkeiten der Bürger nicht die Wahl hat, andere Anbieter vorzuziehen, und daß der Staat die anderen Anbieter reguliert und behindert. Im Falle der Bildung zum Beispiel verbietet der deutsche Staat das Homeschooling und schränkt die Handlungsfreiheit von Privatschulen stark ein.

 

Weil in Deutschland der Staat die Bildung überwacht und größtenteils sogar selbst durchführt, besteht eine enorme Einschränkung der Freiheit. Die meisten Menschen haben sich an diesen Freiheitsentzug gewöhnt. Wir müssen unser Vorstellungsvermögen bemühen, um zu erkennen, wie das Leben in Freiheit wäre, und wie viel besser und vielfältiger Wissenschaft und Bildung ohne den Staat wären. Doch anstatt das auszuführen, möchte ich einige konkrete Herausforderungen und Aufgaben für Christen und andere in der Bildung heute beschreiben.

Christen sollen für Freiräume für Bildung kämpfen

Zunächst drei Aufgaben, welche die Freiräume für Bildung betreffen.

Die erste Aufgabe: Man kann versuchen, bei staatlichen Schulen das Schlimmste zu verhindern. Man kann zum Beispiel gegen die Frühsexualisierung in den staatlichen Schulen kämpfen. Aber wenn man diese Aufgabe angeht, sollte man eine Strategie entwickeln und abschätzen, ob die aufgewendete Zeit und das aufgewendete Geld sich lohnen. Man sollte realistisch abschätzen, wie viel man wahrscheinlich erreichen wird.

Die zweite Aufgabe: Es ist gut, für mehr Freiraum für Privatschulen zu kämpfen. Es ist gut zu versuchen, den Zwang aufzuheben, daß Privatschulen staatlich ausgebildete oder geprüfte Lehrer verwenden müssen. Es ist gut zu versuchen, die Bindung an die staatlichen Leerpläne aufzuheben.

Die dritte Aufgabe ist es, für die Legalisierung des Homeschooling zu kämpfen. Diese halte ich für besonders wichtig. In den USA sind zwei Millionen Kinder im Homeschooling. Die Ergebnisse bezüglich Wissen und Persönlichkeit sind eindeutig positiv. Der Grund, weshalb Homeschooling in Deutschland verboten ist, ist nicht, daß es nicht funktionieren würde. Homeschooling bietet eine hervorragende Möglichkeit, seine Kinder gut lernen und heranwachsen zu lassen. Es kann viel Schlimmes im Land passieren – solange man Homeschooling machen darf, kann man seine Kinder gut heranwachsen lassen.

Soweit zu den Freiräumen für Bildung, für die Christen kämpfen sollten.

Was können Christen heute für die Bildung tun?

Aufgabe Nummer vier ist es, die Lehrer für Privatschulen auszubilden. In vielen Fächern gibt es nur relativ wenige Inhalte, zu denen die christliche Offenbarung direkt etwas sagt. Aber wenn man biblische Aussagen und die christliche Lehre weiterdenkt, ergeben sich Folgen für viele Bereiche und Fächer. Die Aufgabe hier ist also, jedes Fach aus christlicher Sicht zu durchdenken.

Sowohl bei den Themen, zu denen die christliche Offenbarung etwas sagt oder impliziert, als auch bei den anderen Themen ist es die Aufgabe von Christen, die Sache gründlich und rational zu untersuchen. Christen ist einiges durch die Offenbarung vorgegeben, aber ein Großteil des menschlichen Wissens ist nicht vorgegeben. Gott hat dem Menschen Erkenntnisfähigkeit als Aufgabe gegeben. In vielen Bereichen, insbesondere in den Geisteswissenschaften, werden Christen, wenn sie gründlich und rational forschen, zu Ergebnissen kommen, die von der herrschenden Meinung abweichen. Christen haben die Aufgabe, die Vernunft und die Erkenntnisfähigkeit zu schulen, und Lehrer an Privatschulen müssen dafür trainiert werden. Christen dürfen nicht im Bestreben, bibeltreu zu sein, das menschliche, von Gott gegebene Erkenntnisvermögen geringschätzen und vernachlässigen.

 

Aufgabe Nummer fünf ist es, Lernmittel für Homeschooling zu entwickeln. In Österreich und der Schweiz ist das Homeschooling schon legal, und in Deutschland kann man sicher den Freiraum für Homeschooling noch vergrößern. Es gibt also Bedarf und einen Markt für Homeschooling-Material.

Es gibt schon ausgezeichnetes Homeschooling-Lernmaterial auf Englisch, zum Beispiel den Ron-Paul-Curriculum und den Robinson-Curriculum. Mit gutem Lernmaterial wird es für Eltern wesentlich einfacher, Homeschooling erfolgreich durchzuführen.

Der Neomarxismus

Als letztes möchte ich auf die besonderen Herausforderungen für Christen in der Bildung hinweisen, die sich aus dem Neomarxismus ergeben. Ohne den Neomarxismus kann man die heutige geistige Lage des Westens nicht verstehen. Lehrer, die den Neomarxismus nicht verstanden haben, können keine Orientierung geben. Lassen Sie mich das Phänomen kurz skizzieren.

Der Marxismus-Leninismus geht davon aus, daß die Arbeiter sich gegen ihre Unterdrücker erheben und eine gewaltsame Revolution durchführen werden. Dies ist aber nicht geschehen. Zum Entsetzen der Marxisten arbeiteten die Arbeiter weiter zum vereinbarten Lohn und erfreuten sich am Wachstum ihres Wohlstandes. Dadurch verringerte sich ihr revolutionäres Potential weiter.

Den Neomarxisten mißfiel das Konsumverhalten der Arbeiter, denn diese sollten sich nicht ein Auto kaufen, sondern die kapitalistische Ordnung bekämpfen. Daher suchten die Neomarxisten nach einer Ursache für die Revolutionsmüdigkeit und nach einer neuen Strategie, um die kapitalistische Ordnung zu zerstören.

Zum einen suchten die Neomarxisten die Ursachen für die Hartnäckigkeit der herkömmlichen, christlichen Gesellschaftsordnung in der menschlichen Seele, mit Hilfe der Theorien von Sigmund Freud. Mit Hilfe von Freud suchten sie auch nach Möglichkeiten, die Menschen zur Rebellion anzustacheln.

Zum anderen suchten die Neomarxisten die Ursachen für die Hartnäckigkeit der christlichen Gesellschaftsordnung in der Kultur. Sie sahen, daß die ganze Kultur die Menschen in der christlichen Gesellschaftsordnung festhält. Und sie überlegten sich, wie man durch alle möglichen Veränderungen die christliche Gesellschaftsordnung zerstören könnte.

Diese Überlegungen in der Frankfurter Schule verbanden sich dann mit der Studentenrevolte 1968. Diese verbreitete in enormem Ausmaß die Neigung, alles zu „hinterfragen“, zu „kritisieren“ und schlecht zu reden. Diese Haltung prägte insbesondere die Lehrer, Journalisten, Theologen und Politiker. Die Folgen sind die Zustände in Deutschland heute.

Ein Beispiel: Die sexuelle Revolution wurde besonders klar geplant von Wilhelm Reich in seinem Buch Die Sexualität im Kulturkampf. Zur sozialistischen Umstrukturierung des Menschen, 1936. Dieses Buch wurde in der Studentenrevolte wiederentdeckt und umgesetzt. Reich legt dar, daß man die Familie zerstören muß, um die kapitalistische Gesellschaftsordnung zu zerstören, das heißt, die Gesellschaftsordnung mit Eigentum. Je mehr außereheliche Sexualkontakte jemand hat und je mehr alternativen Sexualpraktiken jemand nachgeht, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, daß er dauerhaft eine Familie haben wird. Daher, so Reich, muß man die herkömmliche Sexualmoral auflösen.

Man kann den Neomarxismus und den Sozialismus im allgemeinen schwer verstehen, wenn man ihn einfach als eine Theorie auffaßt. Insbesondere Igor Schafarewitsch hat – meines Erachtens zu Recht – darauf hingewiesen, daß den Theorien der Sozialisten ein Trieb zugrunde liegt. Die Triebfeder hinter dem Neomarxismus wie auch hinter dem Sozialismus im allgemeinen ist ein Haß auf die Welt so, wie Gott sie geschaffen hat, und ein Haß auf die Ordnung. Der Angriff der Neomarxisten auf die Kultur ist daher nicht nur ein Mittel, um das Eigentum abzuschaffen, sondern auch ein Selbstzweck.

 

Wenn christliche Lehrer den Neomarxismus nicht verstehen, können sie die heutige Entwicklung der Gesellschaft nicht verstehen. Sie können dann zum Beispiel nicht verstehen, warum es das Gender-Mainstreaming gibt und besonders in den Schulen vorangetrieben wird. Sie können dann nicht verstehen, warum die „Ehe für alle“ eingeführt wurde. Wenn man den Neomarxismus nicht versteht, könnte man zu der naiven Vorstellung gelangen, daß es den Befürwortern der Homo-Ehe um das Wohl der Homosexuellen ginge und daß es den Vertretern von Transgender um das Wohl der Transgender-Menschen ginge.

Wer den Neomarxismus nicht versteht, versteht auch nicht, warum man heute gescholten wird, wenn man nicht statt „Lehrer“ „Lehrerinnen und Lehrer“ sagt. Er versteht ferner nicht, warum es zur Rechtschreibreform gekommen ist.  Die Liste wäre lange fortzusetzen. Wer den Neomarxismus nicht versteht, mißversteht so viele Phänomene heute, daß er die Orientierung verliert, selbst wenn er sich bemüht, an der christlichen Lehre und an der Bibel festzuhalten.

Daher ist es jetzt besonders wichtig, daß Lehrer sich mit diesem Thema auseinandersetzen und daß sie geschult werden. Die staatliche Lehrerausbildung prägt Lehrer eher im Sinne des Neomarxismus als daß sie dazu beitrüge, diesen zu verstehen.

 

Unsere georgischen Freunde haben den Marxismus-Leninismus überwunden und können uns daher einiges aufgrund dieser Erfahrung lehren. Christen sollten eigentlich die großen Ideologien des 20. Jahrhunderts daraufhin erforschen, was da im Menschen ist, das ihn zu so etwas treibt. Der Nationalsozialismus, der Marxismus-Leninismus wie auch der Neomarxismus sind in der menschlichen Seele verankert; sie bringen das Schlechteste in der menschlichen Seele zum Vorschein.

 

Ich schließe also mit dem Appell, im Bereich der Bildung die sechs genannten Aufgaben wahrzunehmen:

1. Versuchen Sie, in staatlichen Schulen das Schlimmste zu verhindern, z.B. die Frühsexualisierung!

2. Kämpfen Sie für mehr Freiraum für Privatschulen!

3. Kämpfen Sie für die Legalisierung es Homeschooling!

4. Bilden Sie Lehrer für Privatschulen aus!

5. Entwicklen Sie Lernmittel für Homeschooling!

6. Klären Sie über den Neomarxismus auf!

 

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Prof. Dr. Dr. Daniel von Wachter, Präsident der Internationalen Akademie für Philosophie, Liechtenstein