Die Ökonomie des Glaubens und der Glaube der Ökonomie

Leipzig 17.01.2013: Vortrag zum Kongress christlicher Führungskräfte (Live- Konsekutivübersetzung: Hans-Joachim Hahn).

 

Einstiegsfrage des Moderators: „Herr Sedláček, gibt es einen Knopf, den Sie drücken würden, wenn er die Welt verändern könnte?“
Es gibt tatsächlich eine Antwort, die ich darauf habe; ich würde den Knopf drücken: Die Seele muss in den Körper zurück. Jesus hat einmal gesagt, nicht was du isst, ist entscheidend, sondern was den Körper verlässt, das macht Angst. Das sieht man z. B., wenn man die Nägel schneidet. Eure Frau, euer Partner, hat schöne Nägel oder schönes Haar. Aber wenn man es abschneidet, ist das Abgeschnittene hässlich: Wenn es den Körper verlassen hat. Es gibt noch andere Dinge, die den Körper verlassen. Wenn die Seele aus dem Körper entweicht, dann erhält man einen Zombie. Jetzt die Frage zu stellen, ob ein Zombie effizient ist, ist keine allzu gute Frage. Natürlich funktioniert der Zombie sehr effizient. Aber er arbeitet nicht so, wie wir es gern hätten. Der Zombie hat die fundamentalste Frage eines Erwachsenen: Sollte ich essen, oder sollte ich mich vermehren? Zombies vermehren sich durch essen. Das ist äußerst effizient. Aber so stellen wir uns das nicht vor. Doch das passiert sehr oft; wir sehen es in der Kultur, in der Literatur und überall sonst. Wenn der ursprüngliche Zweck auseinander gerissen wird, kann das sogar den Schöpfer zerstören oder töten. Am Anfang schuf Gott die Menschheit – das ist jetzt Christentum in 30 Sekunden. Dann ging etwas schief, das niemand richtig erklären kann: Gott wird in die Enge getrieben und kann nur noch in eine Richtung handeln. 

Wenn wir etwas Machtvolles anrühren, das uns Freiheit und Macht verleiht, besteht ein hohes Risiko, dass es sich irgendwo gegen uns kehrt und uns zu kontrollieren beginnt. 

Das ist gut in dem populären Mythos „Herr der Ringe“ zu sehen: Wenn ein Ökonom „Herr der Ringe“ liest, muss er oder sie sofort folgende Fragen stellen: Wer ist der Herr Ringe? Wer der Boss? Denn es sieht so aus, als ob Mordor den Ring geschaffen hätte, um mehr Macht zu haben und Mittelerde zu kontrollieren. Aber Mordor ist nicht der Herr der Ringe. Wenn es so wäre, hätten wir die Trilogie nicht. Das Problem ist, Sauron besitzt den Ring nicht, er kontrolliert ihn auch nicht. Dann gibt es noch einen Hinweis auf Gollum und den Ring. Das bezieht sich auf sämtlichen Besitz: Gehört der Ring Gollum? Oder gehört Gollum dem Ring? Eine sehr viel schwieriger zu beantwortende Frage. Beachten Sie: Keiner der Weisen hat jemals den Ring angefasst. Aragon nicht; Boromir versuchte es, und dann war es sein Ende. Legolas hat ihn nie angerührt. Galadriel hat ihn nie angerührt. Selbst Gimli nicht. Nie hat einer von ihnen den Ring angerührt. Sogar Gandalf der Weiße hat den Ring nicht angerührt. Wieso? Er wusste, selbst für ihn ist es eine große Versuchung, die er nicht tragen kann. 

Nach meiner Meinung haben wir das aber mit den Schulden gemacht: Wir haben sie angefasst. Am Anfang dachten wir, das Ausmaß der Schulden vergrößert unsere Freiheit. Wir können die Wirtschaft schneller beschleunigen: Mehr Straßen, mehr Universitäten. Was uns in den Sinn kommt, alles wird gemacht. Am Anfang ist es süß, und dann wird es bitter im Magen. Genau darüber beschweren sich alle Politiker heute: Jetzt sind wir Sklaven der Schulden geworden. Und die Politiker müssen das beantworten und tun, was die Märkte wollen. Und jetzt lautet die große Frage: Was führt uns denn in die Zukunft? Als die Menschheit noch etwas jünger war, glaubten wir, dass alles von Gott eingerichtet worden ist. Jetzt habe ich den Eindruck, wo wir etwas fortgeschritten sind, dass wir statt dessen an die Orchestrierung des unorganisierten Orchestermachers glauben. Die „unsichtbare Hand des Marktes“ heisst es in der Fachsprache. Mein Sohn mag ein bestimmtes Computerspiel: Mutierende Ninja-Turtles. Schildkröten sind diese Figuren. Wenn man im Englischen zufällig irgendwelche Worte auswählen würde, dann würde das mehr Sinn ergeben als mutierende, Teenager, Ninja, Schildkröten. Eine verrückte und seltsame Wortkombination. Genauso die unsichtbare Hand des Marktes. Eine ganz geheimnisvolle Sache. Sie ist eines der großen Schlüsselgeheimnisse, an die wir Ökonomen glauben. In dem Zusammenhang ist das Wort „glauben“ sehr wichtig; wir glauben, und das ist das Einzige, was man tun kann – man kann entweder dran glauben, oder nicht, aber wir Ökonomen praktizieren Glauben. 

Es gibt ja schon seit Jahrzehnten die Debatten: Wie bringen wir die Werte zurück in die Ökonomie. Der größte Trick der Religion der Ökonomie heute ist, dass sie ihre Werte schon hat. Alles hat Wert. Es sind nicht unbedingt die Werte, die uns gefallen, doch es sind Werte. Und in der Wirtschaft, das muss man zur Kenntnis nehmen, ist „Gut sein“ ein Nebenprodukt. Der höchste Wert ist Gewinn, Profit. Und die ganze Idee hinter der Vorstellung von der unsichtbaren Hand des Marktes ist, dass Gut sein etwas ist, das immer wieder passiert, einfach zufällig. „Ich wollte doch egoistisch sein, und jetzt bin ich wieder altruistisch – wie wunderbar.“ Der heilige Paulus spricht auch über das Thema: „Ich wollte ja das Gute tun, aber irgendwie kommt auf einmal etwas Böses heraus.“ Die unsichtbare Hand des Marktes macht genau das Umgekehrte: „Ich will Böses tun, ich will egoistisch sein, aber irgendwie wandelt es sich in etwas Gutes für die Allgemeinheit.“ Wenn wir also von diesem unorchestrierten Orchestermacher in die Zukunft geführt werden, dann brauchen wir nicht überrascht zu sein, wenn wir plötzlich irgendwo in Sackgassen landen, in denen unsere persönlichen Werte überhaupt nicht mehr vorkommen. 

Das ist dieses Mantra des Hauptstromes der Ökonomie heute: „Plane das nicht, versuche nicht, ethische Wertmaßstäbe hereinzubringen. Es wird dich von selbst orchestrieren/organisieren. Dieses System - wir nennen es Preise - wird dir die Werte sagen.“ Wenn wir heute etwas über Werte wissen wollen, dann fragen wir den Markt. Was ist der Wert von dem und dem? Da haben wir das Problem: Es gibt viele Werte im menschlichen Leben. Einige Werte haben eine Zahl. Das nennt man einen Preis. Andere haben keine Zahl. Das Mikrofon hat seinen Preis. Jacke, Telefon hat seinen Preis. Das ist in Ordnung. Doch wir müssen verstehen, ein großer Teil des Lebens hat keinen Preis, ist aber trotzdem sehr viel wert. Freundschaft, saubere Luft, Liebe, Glaube, das was sich zwischen Mann und Frau abspielt – Mann und Mann, Frau und Frau (man muss jetzt ja modern sein). Diese Dinge werden nie einen Preis haben. Auch nicht, wenn man die beste Gleichung aufstellt, die man aufstellen kann. 

Viele Christen hinken auf einem Bein: Das Problem ist, wenn wir die Bibel lesen, haben wir einen geistlichen Text für den Sonntagmorgen, und dann kommt am Montagmorgen ein weltlicher Text aus der Wirtschaft. Mein Anspruch hier heute morgen ist, dass es keinen Sinn ergibt, wenn wir diese beiden Wirklichkeiten auseinander reißen. Die reine Rationalität würde die Zerstörung von Afrika bevorzugen, bevor ich mich am Finger verletze. David Hume hat das vor vielen Jahren so formuliert. Man kann eigentlich gar keinen Gedanken formulieren und fassen, ohne Werte zu formulieren. Und es ergibt keinen Sinn, wenn wir so tun, als gäbe es diese Werte nicht. Natürlich habe ich nichts gegen Religion – ich bin ganz dafür. Aber ich bin dagegen, wenn etwas präsentiert wird, das voller Werte steckt, und dann so getan wird, als sei alles nur rein sachlich, rational, mathematisch ohne jegliche Werte, wie es in der Wirtschaft und den Wirtschafts- wissenschaften derzeit geschieht. Zu solch einem System ist die Wirtschaft geworden. Sie tut so, als sei sie ein Werte-freier, neutraler Körper, aber in Wirklichkeit ist steckt sie voller Werte. Sie hat ihre eigenen Götter, sozusagen. Und genau diesen Dingen vertrauen wir, dass sie uns in die Zukunft führen. 

Und jetzt will ich versuchen darzustellen, wie unmöglich es ist, Christentum von Wirtschaft zu trennen. Viele vor mir haben das schon gesagt: Unsere Wirtschaft ergibt keinen Sinn ohne Christentum. Jetzt möchte ich noch einen schwierigeren Gedankengang hinzufügen: Christentum würde keinen Sinn ergeben ohne Wirtschaft. Jesus hat ständig ökonomische Vokabeln gebraucht: „Ich bin gekommen, um die Gefangenen freizusetzen.“ Damit meinte er Schuldensklaverei. „Ich bin gekommen, um Schulden zu vergeben.“ Es ist lustig zu sehen, wie dieser Gedanke bis in das Vater-Unser hineingedrungen ist. War das nicht das Gebet der Wallstreet 2008? „Vergib uns unsere Schulden, wir nicht vergeben unseren Schuldigern!“ 

Oder nehmen wir die allererste Geschichte der Bibel: – Drei Tage haben wir ja noch Zeit, dann kommen wir durch. Das passiert, wenn ein Ökonom die Bibel liest. – Die erste Sünde wird oft so dargestellt, als sei sie etwas Sexuelles gewesen. Wir wissen nicht, wieso. Zwei junge, gesunde Leute – nackt im Garten, das muss schon etwas mit Sex zu tun haben. Das Wort Sex kommt jedoch überhaupt nicht vor im 1. Buch Mose. Vierzehn mal hingegen ist das Wort, das gebraucht wird: Konsum, verbrauchen, konsumieren. „Esst nicht von der Frucht.“ Vierzehn mal geht das so: essen, nicht essen, essen, essen, ... Ich biete also hier noch eine andere Interpretationsschicht an: Die Erbsünde war eine Sünde des Übergenusses, des Überverbrauchs. Adam und Eva haben das Stück Obst ja nicht gegessen, weil sie hungrig waren. So als hätte es nichts zu essen gegeben, also mussten sie das essen. Vielmehr war es eine Ausschweifung. Eine exzessive Ausschweifung. Es war völlig unnötig. Ich habe mich immer gefragt, ob sie eine Kosten-Nutzung-Rechnung aufgestellt haben, bevor sie in die Frucht hineinbissen. Auf der Plus-Seite hätte man ein interessantes Experiment. Die Erkenntnis von Gut und Böse: Sieht gut aus. Auf der Minus- Seite: Wir kriegen wirklich Ärger mit dem da oben. Tod - das sollten wir sogar an den Anfang stellen. Vielleicht hätte es den beiden geholfen, eine ökonomische Rechnung aufzustellen. Auch der Fluch, der sie nachher trifft, ist in gewissem Sinn ein ökonomischer Fluch. Bei der Ökonomie geht es um Bedarf und Nachfrage. Eva erhält also den Fluch des Mangels: „Weil ich dir das alles gegeben habe, und dir das nicht genug war, wird dir nie etwas genug sein. Du wirst immer Verlangen nach mehr haben. Es wird nicht nur in dir sein, sondern auch außerhalb von dir. Es wird dich beherrschen und du wirst nicht in der Lage sein, es selbst zu beherrschen.“ Das war der Fluch, den Eva erhielt. Dann Adam, der andere im Garten. Den traf der Fluch der Versorgung: „Du wirst im Schweiße deines Angesichts arbeiten. Auch mit der Technologie des 21. Jahrhunderts wirst du nicht genug schaffen können, um all diese Wünsche und das Verlangen zu stillen.“ Das ist interessant, denn heute fragen wir uns: Was war denn das Ausgangsversprechen der Technologie? „Warum haben wir denn überhaupt diese mobilen Telefone gekauft?“ Erinnern Sie sich noch? Sie sollten uns doch mehr Zeit verschaffen, diese Geräte. Und dann geht es immer so weiter. 

Nun zu den Pharisäern. Sie fragen Jesus: Wer ist denn mein Nächster? Ich glaube, sie stellten die Frage, weil sie Zinsen erheben wollten. Und sie wollten wissen, von wem sie nehmen dürfen, und von wem sie nicht nehmen dürfen. Jesus hat auf diese unechte Anfrage eine Beschreibung geliefert: Ein völliger Fremder wird für dich eher ein Nächster sein, als dein nächster Nächster. Das bringt uns zum heutigen Tag. Wer ist mein Nächster? Das ist das Problem mit Griechenland. Die griechische Debatte ist eigentlich eine theologische Debatte in ökonomischer Verkleidung. Bei den Zahlen können wir sehen, wie wertlos und nutzlos sie sind. Und was wir erhalten, ist eine gute alte christliche Debatte, die Paulus schon begonnen hat: Gesetz gegen Gnade. Sollten wir die Griechen nach dem Gesetz behandeln: „Weil ihr das unterschrieben habt ..., dann müsst ihr zurückzahlen.“ Oder sollten wir ihnen die Schulden erlassen? Und dann, wenn ja, wie oft? Sieben mal oder siebenundsiebzig mal? Natürlich weiss ich die Antwort nicht. Aber wenn wir das nicht zuerst auf der theologischen Ebene klären, philosophisch oder ethisch, was immer Sie bevorzugen, dann wird keine Legion von Zahlen uns weiterhelfen. Diese Debatte hat Jesus bis heute. Das glaube ich, war es, was er gegen die Pharisäer hatte: Sie machten ihre Ethik zum Fetisch. Das haben wir heute genau so gemacht mit der Ökonomie. An der Ökonomie oder dem Kapitalismus ist im Prinzip nichts falsch. Natürlich hat sie viele Fehler, wie alles, was wir Menschen anfassen und tun – Computer, Autos was auch immer. Alles funktioniert, aber manchmal auch nicht, sogar Computer. Die müssen von Zeit zu Zeit neu gestartet werden. Und das ist wirklich seltsam, denn da geht es doch nur um Mathematik. Bei dem Computer geht es doch nur um Zahlen, um Mathematik, wenn man es auf den Punkt bringt. Dennoch erfriert, erstarrt das Gerät gelegentlich. Man muss es neu starten -– an- und ausschalten. Wenn man von der IT-Menge spricht, ist es das Erste, was man tut. Im Alten Testament hatten sie noch das Verständnis, dass so etwas auch in der Gesellschaft passiert. Alle 49 Jahre gab es dieses Jubeljahr, wo Schulden erlassen werden sollten. Und die ganze Anhäufung von Besitz wurde neu gestartet. Eine sehr alte antimonopolistische Einrichtung. 

Wir verstehen das heute auch, dass die Ökonomie manchmal ihre eigenen Regeln brechen muss, wie wir das seit 2008 gemacht haben. Die Geschäftswelt sagt natürlich zu den Regierungen: „Haltet Euch Armlängen von uns entfernt. Wir sind die Schlauen, Ihr seid die Dummen. Wir wissen, wie wir uns selbst regulieren. Haltet Euch da raus.“ Und dann passiert etwas. Und auf einmal heißt es: „Bitte, bitte mischt Euch ein. Tut doch mal einen Augenblick so, als ob diese Regeln überhaupt nicht existieren.“ Heute haben wir auch dieses sogenannte Jubeljahr, aber in umgekehrter Weise. Als Ökonomen haben wir lange gelacht über dieses Jubeljahr. Jetzt sehen wir es plötzlich wieder in unserer Gesellschaft: Resets, die völlig unerwartet kommen. Ein unerwarteter Neustart ist natürlich viel problematischer als ein erwarteter Neustart. Also haben wir einen viel unerwarteteren Neustart gemacht, als das vor tausenden von Jahren war. 

Welche Lektionen können wir daraus lernen? Es wird immer wieder passieren, weil die Wirtschaft sich in Zyklen bewegt. Wir müssen uns darauf vorbereiten. Das erinnert mich an eine noch ältere Geschichte. Der älteste Wirtschaftszyklus, der überhaupt in der Geschichte aufgeschrieben wurde, findet sich in 1. Mose 41: Diese gute alte Geschichte von Josef und Pharao. Sie kennen die: Sonntagsschul-Stoff. Pharao hat diesen Traum. Er weiß nichts damit anzufangen und holt Josef, der den Traum deutet. Also kommt Josef und sagt: „Glückwunsch Pharao. Sie haben die allererste makroökonomische Voraussage in der Menschheitsgeschichte. Sehr gute 7 Jahre von wachsendem Bruttosozialprodukt. Und sieben schlechte Jahre.“ „Was soll ich denn tun?“, fragt Pharao. Josef: „Esst in den guten Jahren nicht alles weg, was wächst.“ Auf heute übersetzt: Schafft ein Plus in Eurem Haushalt. 20 %, ein Fünftel legt zurück. In den früheren Jahren war es so: Ehe man etwas gekauft hat, musste man durch dieses Verbraucherfegefeuer gehen, dass man erst mal gespart hat. Aber diese primitiven Zeiten liegen lange hinter uns; sparen ist vorbei. In den schlechten Jahren kann man etwas von dem Geld investieren, damit wir der Wirtschaft wieder auf die Füße helfen können. In der Zeit von Josef, vor tausenden von Jahren, machte Ägypten diese enorme wirtschaftliche Krise durch, wo es tatsächlich eine lebensbedrohliche Hungersnot für die Ägypter gab. Doch gingen sie durch die Krise ohne einen Pfennig Schulden, weil sie gespart hatten. Das ist heute unvorstellbar. Dafür haben wir gar keinen Namen in der Ökonomie. Wir haben ein Verhältnis: Schulden zum Bruttosozialprodukt. 60 %, 180 % vom Bruttosozialprodukt. Aber für das Gegenteil haben wir nicht einmal einen Begriff. Der existiert nicht. Um das zu beschreiben, müssten wir sagen: negative Schulden zum Bruttosozialprodukt. Aber diese Geschichte können Sie eigentlich nachvollziehen ohne komplizierte Rechenmodelle. Ich habe mich immer gefragt, was ist die Bedeutung dieser Geschichte im Alten Testament? Im AT haben wir sonst immer den Wechsel von Belohnung und Strafe. Das AT ist eine Geschichte der Ethik. In dem Traum, den Pharao hatte, gab es jedoch weder eine Belohnung noch eine Strafe für irgend etwas. Das war ein Test für die Weisheit. Ein Test für Ökonomen. Und die haben es damals geschafft, durch die Krise durchzukommen. Aber wir haben versagt. 

Eigentlich schlimm, eine Schande für die USA, die jedes Jahr 70.000 Ökonomen aus den Universitäten hinausschickt! Die Aufgabe eines Ökonomen ist nicht, das Bruttosozialprodukt zu steigern. Seine Aufgabe ist, die Schwingungen des Wirtschaftszyklus zu minimieren, die Berge zu erniedrigen und die Täler zu erhöhen, sozusagen. Um eine Metapher zu gebrauchen: Viele Leute benutzen folgende Diagnose, um die Wirtschaft zu deuten. Diese populärste Diagnose ist: „Wir befinden uns in einer Depression.“ Das ist meiner Meinung nach eine Fehldiagnose. Die Ökonomie steckt nicht in einer Depression, sie steckt in einer manischen Depression. Das ist eine andere Krankheit. Wenn man mit einer depressiven Person zu tun hat, dann gibt man ihr Antidepressiva, um der Person mehr Lebensmut und Lebensenergie zu vermitteln. Wenn eine depressive Person den Mut zurückbekommt, Lebensenergie, ist das eine gute Nachricht. Bei manisch Depressiven ist das keine gute Nachricht. Wenn man mit einer manisch-depressiven, mit einer bipolaren Störung zu tun hat, dann ist das eine sehr üble Krankheit. Dann muss man zuerst die Manie ansprechen. Man kann das nicht so tun, wie die manisch-Depressiven es gerne hätten. Genau das hört man jedoch auf allen Wirtschaftsforen: „Lasst uns doch einfach die Manie beibehalten!“ Wenn man mit einem manisch-Depressiven spricht, muss man zuerst alles herunter kühlen, dann kann man mit ihm sprechen. Etwa so, wie wenn Sie mit einem Alkoholiker zu tun haben. Freitagabend – Samstagmorgen. Sie können sich nicht nur mit der Katerstimmung am Samstag befassen. Denn die ist nicht das Problem. Das Problem ist der exzessive Alkoholgenuss am Abend vorher. Und wenn wir mit einer genialen Lösung kommen, wie er mit dieser Katerstimmung umgehen soll, dann wird es dem Alkoholiker nicht helfen, sondern sogar seine Lage verschlimmern. 

Wenn wir heute Europa ins Visier nehmen – diese vereinfachte Darstellung, die wir in den Zeitungen finden – steckt Griechenland in einer Depression. Ich stimme dem nicht zu, aber so lesen wir es in den Zeitungen. Meine Meinung ist: Wenn die Griechen doppelt so hart arbeiten würden, dann hätten sie kein Problem. Nehmen wir denselben Blickwinkel und schauen uns Irland an. Haben wir da nicht genau das Gegenteil? Wenn die Iren, besonders die Banker, nur halb so lang und halb so effizient arbeiten würden, hätten die kein Problem. Und das ist der Kern der Sache. Griechenland ist uninteressant von diesem Blickwinkel aus. Die Krise begann nicht in Griechenland, sondern im Bankensektor der Vereinigten Staaten. Was will ich damit sagen? Wir hätten von Josef lernen können: „Verbrauche in den guten Jahren nicht alles, was wächst.“ Aber diese Lektion haben wir verpatzt. Jetzt rufen wir die Schulden zu Hilfe. Und genau diese Schulden bringen uns um. Und diese Schulden wurden in den hohen Wachstumsjahren angehäuft. Wir können also sehen, nicht langsames Wachstum generiert Bankrott, sondern genau das Gegenteil: Das hohe Wachstum hat die Bedingungen für den Bankrott geschaffen. Wir haben Stabilität verkauft, haben Wachstum eingekauft. Was wir in der Zukunft tun müssen, ist: Wachstum verkaufen und Stabilität zurückkaufen. 

Aber gehen wir zurück zu den Pharisäern. Welchen Vorwurf machte Jesus den Pharisäern? „Ihr habt Eure Ethik zum Fetisch gemacht.“ Ich verstehe das Wort Fetisch etwas anders. Fetisch ist der Weg zur Erlösung, der dir zeigen sollte, wie du zu Gott kommst. Zur gleichen Zeit blockiert der Fetisch genau diesen Weg. Was hat uns in die Krise geführt? Die Ökonomie. Was wird uns aus der Krise führen? Noch mehr Ökonomie. „Du kannst nicht fühlen, wie gut deine Beziehung zu Gott ist?“ Darauf rät ein Pharisäer: „Du hast schlechte Ethik. Du brauchst mehr Ethik, musst mehr Gesetze einhalten.“ Und je weniger Sinn die Ethik und Gesetze ergaben, desto mehr haben sie den Menschen aufgebürdet. Mein Punkt ist, dass wir als Menschen, als Nationen die Tendenz haben, verschiedene Dinge – manchmal gute Dinge – zum Fetisch zu machen. Vor hundert Jahren haben wir in Europa die Idee eines Nationalstaates zum Fetisch gemacht. Wir Tschechen hatten den Eindruck, wenn wir uns nur von dem österreichischen Reich lösen, dann sind wir unserer eigenen Identität treu. Wir werden frei sein und vollständig, und die Nation wird alles für uns tun. Ihr wisst, wie die Geschichte ausging: Kompletter Zusammenbruch des Nationalstaates. Und das sah dann so aus: Nicht das Land tut alles für dich, sondern du musst alles für das Land tun – bis zum Opfer deines Lebens. Nichts ist falsch am Nationalstaat, wenn man ihn nicht zum Fetisch macht. Nichts ist falsch an der Ökonomie, wenn wir sie nicht zum Fetisch machen. Wie haben wir die Wirtschaft zum Fetisch gemacht? 1989, als es eine Revolution in meinem Land gab, hatten wir eine sehr schwierige Wahl zu treffen. Wir haben das zerfallene dumme kommunistische System verlassen. Jetzt hatten wir die Wahl, zu einem System zu stoßen, das frei ist, Reisen ermöglicht usw. Aber es wird dich auch reicher machen. Das war ein großes Dilemma. Wir haben es gewählt. Meine Vorstellung war, dass der demokratische Kapitalismus ein fruchtbarer Boden für Wachstum ist. Aber der Hauptpunkt war: Es sollte ein freies System sein. Das Wachstum war ein zusätzlicher Bonus. Heute, glaube ich, haben wir das wieder auf den Kopf gestellt, haben auf die Politiker, Ökonomen und alle anderen gehört. 

Heute höre ich eine andere Geschichte. Ich höre, dass der Marktkapitalismus nicht ein fruchtbarer Boden für Wachstum ist, sondern Wachstum ist eine Bedingung, ohne die wir nicht auskommen für die Marktdemokratie. Das heißt: Wird das Wachstum weggenommen, werden die Märkte zusammenbrechen. Nimm das Wachstum weg, dann wird die Demokratie zusammenbrechen. Das sind die Botschaften. Nimm uns das Wachstum weg, dann sind wir keine Europäer mehr. Dann gibt es Krieg, finanzielles Harmagedon. Das ist das Problem, das entsteht beim Mangel an Wachstum. Deshalb wird das Wachstum zur einzigen Lösung hochstilisiert, und das nenne ich Fetischismus. Unser einziger Weg zur Freiheit und zum Selbstverständnis und zum Frieden ist Wachstum. So haben wir heute das Wirtschaftswachstum zum Fetisch gemacht. Deshalb sage ich oft, es ist eine Krise des Wachstumskapitalismus, nicht des Wachstums. Vor 100 Jahren haben wir die Idee der Nationalstaaten zum Fetisch gemacht. Und vor 2000 Jahren haben die Pharisäer die Gesetze, die Ethik zum Fetisch gemacht. Was sagt Jesus den Pharisäern? Ihr habt ein System erschaffen, das seine eigene Logik hat. Ihr tut so, als hätte Gott euch das auf natürliche Weise gegeben, aber in Wirklichkeit habt ihr es erst letzten Montag erfunden. Von außen sieht es so aus, als hättet ihr alles verstanden und unter Kontrolle, aber in Wirklichkeit ist es ein Durcheinander. Es verspricht den Weg zu Gott, wie die Pharisäer sagen: „Befolgt die Regeln, dann habt ihr den sicheren Durchgang.“ Aber in Wirklichkeit habt ihr es zum Stolperstein gemacht. 

Ich glaube, das fasst ganz gut die Subjekt - Objekt Umkehrung zusammen, mit der ich anfing. Das wichtigste Thema, über das Jesus mit den Pharisäern stritt, war der Sabbat. Der Sabbat war für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Sabbat. Die Ökonomie war für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für die Ökonomie. Reden wir über den Sabbat. Von allen 10 Geboten, glaube ich, ist es das am meisten gebrochene. Wir haben es zum netten Vorschlag heruntergespielt: „Arbeite nicht am Sabbat, wähle jeden Tag, den du magst, aber wenn es dir wichtig ist, kannst du natürlich arbeiten.“ Das ist die Art Freiheit, die wir uns als Christen erlaubt haben mit diesem praktischen 3. Gebot. Wie würde die Welt denn aussehen, wenn wir Christen heute hingingen und sagen würden: „Entspann` dich einfach, wir sind nicht für die Arbeit und Wirtschaft da. Es gibt einen Tag Pause.“ 

Das Thema Homosexualität wird nur viermal in der Bibel erwähnt. Das Thema Sabbat eintausendmal. Der Sabbat ist vorwiegend ein wirtschaftliches Gebot. Aber dieser Sabbat geht konträr gegen den Wert unserer Zeit. Der ist ein Fetisch, der uns arbeiten und arbeiten lässt. Und genau damit beginnt Jesus, als er die Predigt über das Jubeljahr hält. Das zur Unterstützung meiner Behauptung, dass Jesus seine Begriffe aus der Wirtschaft nimmt, um das Königreich Gottes zu erklären. Zwei Drittel seiner Gleichnisse sind ökonomische Gleichnisse. Wenn wir also aufhören, die Bibel als wirtschaftliches Werkzeug zu lesen, und sie nur geistlich betrachten, dann wird es furchterregend. Und sie verliert ihre Bedeutung. Wenn wir den Leib von der Seele trennen, dann haben wir nicht nur einen Horror, den Körper ohne Seele, sondern wir haben einen zweiten Horror, einen Geist ohne Körper. Der ist auch sehr erschreckend. Der Geist attackiert dich nicht, er starrt dich nur an, und er beschuldigt dich. Es sei denn, wir bringen diese beiden Dinge wieder zusammen. Wenn wir diese Teile nicht zusammenbringen, haben wir auf der einen Seite den Körper-Zombie, der sehr wild und böse ist. Aber der Geist allein ist auch furchterregend. Wenn wir die Bibel jedoch unter dieser Prämisse lesen, wird sie sehr viel sinnvoller. 

Hier mache ich Schluss mit einem praktischen Beispiel des Evangeliums heute. Es ist wichtig zu wissen, dass die Worte Schuld und Sünde Synonyme sind. Und das Wort Kredit bedeutet Glaube. Wir haben eine Kreditkrise, das ist eine Glaubenskrise. Mit ein klein wenig Latein wissen wir, dass es eine Glaubenskrise ist. Die Ökonomie war die größte Religion unserer alten Zeit. Verschiedene Kulturen, verschiedene Glaubensrichtungen, verschiedene Meinungen. Aber wir glauben alle an die eine Ökonomie. Jeder hat da zugestimmt. Lesen wir also die Financial Times mit diesem Wissen. Die Griechen brechen zusammen unter der Last ihrer Schulden, ihrer Sünden. Sie sind Sklaven der Schulden, der Sünden geworden. Sie brauchen einen Erlöser, jemand, der für ihre Sünden bezahlt. Das muss jemand von außerhalb des Systems sein. Jemand mit höherem Glauben, Kredit, als sie selbst haben. Man muss die Sehnsucht von Jesaja nach dem Messias nicht zu lange betrachten. Wenn man die Financial Times liest, liest man das Evangelium. - Vielen Dank.