Die 7 Erfolgswerte der christlich-abendländischen Kultur (3)

Respekt und Verantwortung – kommt der Werte-Burnout?

Respekt 

Respekt fokussiert unseren Umgang mit anderen Menschen: Wie sehe ich meine Mitarbeiter? Sind sie nur Erfüllungsgehilfen meiner Pläne? Sind Menschen nur Konsumenten, die durch Werbung zu stimulieren und durch Gesetze zu bremsen sind? Oder Patientengut, an dem medizinische Experimente gemacht werden, um es möglichst lange funktionsfähig am Leben zu erhalten und daran zu verdienen? Oder sind Menschen kreative Unikate, Ebenbilder des Schöpfers mit unbezahlbarem Wert? Sind Menschen auch dann noch wertvoll, wenn sie nicht mehr funktionieren, alt sind, Hilfe und Pflege brauchen? 

Was ist Menschenwürde? Der Begriff der Menschenwürde entstand nicht in Asien oder Afrika, sondern im christlich geprägten Europa. Nach der Überwindung mittelalterlicher Kreuzzüge und Machtkämpfe, Hexen- und Ketzerverbrennungen, in die sich die Kirche durch ihre Machtinteressen verwickeln ließ, gingen Europäer wie William Carey, Albert Schweitzer, Mutter Teresa und viele andere aus ihrer von Christus inspirierten Nächstenliebe in die Elendsgebiete anderer Kontinente. Zum Teil unter Lebensgefahr schenkten sie den Kranken und Sterbenden die Würde der Ebenbildlichkeit des Schöpfers. Nachdem er die Bibel in mehrere indische Sprachen übersetzt hatte, kämpfte William Carey bis zum Durchbruch für die Abschaffung der hinduistischen Sitte der Witwenverbrennung: Bei vorzeitigem Tod der Ehemänner wurden die lebenden Witwen in Indien mit dem Leichnam ihres verstorbenen Mannes auf Scheiterhaufen verbrannt. 

Aus der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts kennen wir die Massentötung und Verbrennung „minderwertiger“ und nicht systemkonformer Mitmenschen als äußersten Ausdruck der Menschenverachtung eines gottlosen politischen Systems. Unter dem Titel „Stirb ökonomisch!“ berichtete Erich Wiedemann in der Zeitschrift Cicero[1] über die Legalisierung der Sterbehilfe in den Niederlanden. Inzwischen sterben dort ältere Menschen in Kliniken nicht mehr nur auf eigenen Wunsch, sondern auch auf Wunsch der Erben. Manche Alten trügen einen Zettel in der Brieftasche mit der Aufschrift: „Bitte, Dok, lass mich leben!“, resümiert Wiedemann. Der einstmals christliche Werteeinfluss scheint in dieser Kultur am Ausbrennen zu sein. 

In der christlichen Wertekultur entspringen Menschenwürde und Respekt aus der Liebe. Aus Liebe schuf Gott den Menschen als Gegenüber und respektierte seine Entscheidung, sich von ihm abzuwenden, die Liebe zu missachten. Und mit aller Leidenschaft bis zur Selbstopferung in Christus kämpft Gott, um diese Liebe zurück zu gewinnen. 

Respekt achtet die Würde, den Wert und die Entscheidung des Mitmenschen. Respekt ist auch in der Arbeitswelt ein Überlebenswert: Teams können nur dann langfristig erfolgreich geführt werden, wenn die einzelnen Mitglieder in ihrer Besonderheit respektiert und integriert werden. In den Unternehmen der Zukunft wird der soziale Umgang darüber entscheiden, ob die besten Mitarbeiter bleiben oder ob sie sich eine wertschätzendere Kultur in einem anderen Unternehmen suchen. Langfristig bringen Menschen die besten Leistungen nicht unter Druck und Angst. Druck erdrückt, und Angst lähmt. „Dienst nach Vorschrift“ ist langfristig das Höchste, was damit zu erreichen ist. Unternehmen mit einer solchen Kultur werden keine Zukunft haben. Bestleistung geben Menschen langfristig nur dann, wenn sie sich in einem inspirierenden Klima geschätzt, gefördert und gefordert fühlen.[2] "Wertschöpfung durch Wertschätzung“ hat der Stuttgarter Marketingexperte und Pfarrer Prof. Wilfried Mödinger deshalb als Motto für erfolgreiches Wirtschaften vorgeschlagen. 

 

Verantwortung 

Wer Wertschätzung und Respekt erfährt, übernimmt bereitwilliger Verantwortung – zuerst für sich selbst und danach für andere. Verantwortung ist ein Merkmal reifer Menschen, letztlich des Erwachsenseins. Kinder beschuldigen den Tisch, an dem sie sich gestoßen haben, die Geschwister, die Spielfreunde – immer sind andere schuld, wenn es ihnen schlecht geht. Manche Menschen halten diese Einstellung durch bis ins Rentenalter: Immer sind andere für sie verantwortlich und haben Schuld an ihrem Ergehen: die Eltern, die Schule, die Firma, der Ehepartner, die Regierung, das Wetter, die Wirtschaftskrise ... niemals übernehmen sie selbst die Verantwortung für ihr Leben. 

In der deutschen und in anderen Sprachen steckt in dem Wort „Verantwortung“ die Antwort. Antworten kann ich nur auf eine Ansprache. Wem antworte ich? Wem bin ich verantwortlich? Unsere jüngere Geschichte mit der Erfahrung des Nationalsozialismus hat uns gezeigt, dass es gut ist, wenn eine Regierung sich nicht selbst als letzte Instanz betrachtet, sondern über sich Gott und seine Gebote als die höhere Autorität anerkennt, der sie sich verantwortlich macht. Das schützt vor Tyrannei und Willkür. Die Väter unserer Verfassung haben deshalb den Passus „in der Verantwortung vor Gott“ in unser Grundgesetz eingefügt. Leider hat die EU diesen Gottesbezug in der Europäischen Verfassung trotz massiver Proteste und 

Warnungen von Fachleuten nicht aufgenommen. Eine starke ideologische Lobby hat verhindert, dass diese Lektion aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts gelernt und für die folgenden Generationen festgehalten wurde.
Verantwortung für andere zu übernehmen ist auch das Merkmal eines von christlichen Werten geprägten Unternehmertums, durch das in Deutschland die Armut besiegt und Wohlstand geschaffen wurde. Auch wenn Einzelne sich vielleicht nicht als Christen bezeichnet hätten, so schöpften sie doch aus dem durch die Reformation verbreiteten Arbeitsethos. Beispielhaft sei hier nur Rudolf Diesel angeführt: Dass ich die Dieselmotoren erfunden habe, ist schön und gut. Aber meine Hauptleistung ist, dass ich die soziale Frage gelöst habe.[3] Durch seinen Erfindergeist und seine Unternehmensführung konnten neue Fabriken gebaut, Arbeiter beschäftigt und viele Familien ernährt werden. Seine Orientierung und Dynamik bezog dieses Ethos aus einer von der Bibel geprägten Kultur, wie es Lord Ralf Dahrendorf trefflich zusammengefasst hat: Das Klima der protestantischen Ethik ist nur an einer Stelle in der Welt entstanden. Diese Haltung ist nicht nur Kulturmerkmal des Bürgertums, sondern auch Motor der wirtschaftlichen Entwicklung.[4]

Ein weiteres wichtiges Merkmal unternehmerischer Verantwortung ist die Disziplin, auf kurzfristigen Genuss zu verzichten, um ein langfristiges Ziel zu erreichen. Diese Fähigkeit des kalkulierten Verzichts, der vorausschauenden Planung und des Sparens für ein Ziel ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für wirtschaftlichen Fortschritt. Sie hat den Aufschwung unseres Landes nach dem Krieg ermöglicht. Und sie stabilisiert auch eine an Monogamie orientierte Kultur mit starken Familien. Gerade diesen Wert hat die 68er neomarxistische Bewegung gezielt untergraben. Unter dem Vorwand der sexuellen „Befreiung“ wurde die frühzeitige Sexualisierung der Kinder bereits im Schulalter vorangetrieben. Der Verzicht auf sofortige Befriedigung galt als psychische Verkrüppelung. Wenn es auch nicht durchgehalten werden konnte, so sprach das Motto der sexuellen Revolutionäre doch eine deutliche Sprache: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.“ Die unerwünschten Schwangerschaften, die trotz aller Verhütungsmittel bei dem „befreiten“ Umgang mit der Sexualität entstehen, lassen sich inzwischen auf Kosten der Allgemeinheit problemlos medizinisch entsorgen – eine dunkle Variante von „Stirb ökonomisch!“ Angehende Väter werden geradezu animiert, die Verantwortung für das von ihnen gezeugte Leben zu verweigern und sich stattdessen selbst zu vergnügen. Dabei ist gerade diese Konzentration auf monogame Treue-Beziehungen – wie der Neurologe Hans-Rainer Duncker beim 1. Regensburger Symposium 2008 betonte – das entscheidende Kulturmerkmal, das den Menschen von den Primaten abhebt:

Die wesentliche Veränderung im männlichen Sexualverhalten liegt darin, dass die Männer in aller Regel mit dem Erwachsenwerden nicht mehr die Eroberung eines Harems und dessen Verteidigung bis zum Nachlassen ihrer Kräfte anstreben, bei dem sie vollständig mit der Erfüllung und Verteidigung in ihrer Sexualrolle beschäftigt sind. Vielmehr streben sie ebenso wie die Frauen eine Langzeitbeziehung zu einem(r) Partner(in) an. ... Mit dem Fortfall von Haremsstrukturen und dem Entstehen genereller Kooperativität konnten sich auch ganz neue Sozialstrukturen ohne Begrenzung der Gruppengrößen ausbilden, welche später die Grundlage aller Dorf- und Stadtentwicklung wurden.[5] 

Auch vom Standpunkt der klassischen Evolutionstheorie aus führt die sexuelle Verantwortungslosigkeit also nicht in eine Zukunft der Kulturentwicklung, der kreativen Gemeinschaftsleistung und des wirtschaftlichen und sozialen Wohlstandes, sondern in die Gegenrichtung zurück zur Urhorde der Primaten. 

Mit dem Verlust des Respektes vor Mitmenschen und Mitarbeitern und der Verweigerung von Verantwortung steuern wir direkt in einen Burnout der Werte, die uns stark gemacht haben. 

 

Lesen Sie in der nächsten Folge: Burnout der Nachhaltigkeit 

 

Fußnoten

[1] Erich Wiedemann: Stirb Ökonomisch, in: „Cicero“ vom 21.07. 2008. 

[2] Vgl. „Die Chefs der alten Schule haben ausgedient“, Zukunftsforscher Eric Händeler im Interview mit der SZ vom 31.12. 2011, S.25 

[3] Rheinischer Merkur im März, 2009

[4] Lord Ralf Dahrendorf: Vom Sparkapitalismus zum Pumpkapitalismus, Cicero 8/2009

[5] Hans-Rainer Duncker: Die Tragweite der Entwicklung der Menschen zu Sprach- und Kulturwesen, in: „Atheistischer und jüdisch-christlicher Glaube: Wie wird Naturwissenschaft geprägt?“, Christiane Thim-Mabrey, Hrsg. 2009, S.295-96.