Die 7 Erfolgswerte christlich-abendländischer Kultur (5)

Mut - Mutter aller Tugenden

Mut 

Winston Churchill bezeichnete ihn als Voraussetzung für alle anderen Tugenden. Mut ist in allen Kulturen zu finden, und es gibt ihn in vielen Ausprägungen: Vom todesmutigen Samurai, der sich ohne Rücksicht auf das eigene Leben in den Kampf stürzt zur Mutter, die ihre Kinder gegen einen physisch überlegenen Eindringling verteidigt bis zu dem Schüler, der sich mit Zivilcourage der Gewalt und dem Mobbing von Mitschülern entgegen stellt und dabei riskiert, selber geschlagen zu werden. Auch der öffentliche Widerspruch gegen politische Korrektheiten und Mainstream- Auffassungen erfordert Mut; vor allem wenn der Widerspruch die eigene berufliche Karriere gefährdet. 

Hier soll es aber noch um eine andere Art von Mut gehen: Er ist die Grundlage aller Innovation, aller Wagnisse, und Schritte ins Ungewisse. Vor allem aber ist er die Voraussetzung einer „konstruktiven Fehlerkultur“, die verstärkt in unserer Wirtschaft als „Erfolgsfaktor“ diskutiert wird. Fehlerkultur bedeutet nicht, dass Lässigkeit in der Arbeit akzeptiert wird. Doch es dürfen Fehler gemacht werden, wenn daraus gelernt wird. Das Konzept von „Fehler – Vergebung – Neubeginn“ ist für uns in der westlichen Kultur so selbstverständlich, dass wir kaum über seine Herkunft nachdenken. Mir wurde das bewusst, als ich bei einer Zugfahrt mit einer chinesischen Studentin ins Gespräch kam, die in Deutschland vergleichende Kulturwissenschaft studierte. Nach wenigen Minuten kam sie auf das Thema: „Also, dass die deutschen Kollegen einfach einen Fehler eingestehen können und dafür Vergebung erhalten, so etwas gibt es bei uns nicht!“, brach es förmlich aus ihr hervor. „Das kommt daher, dass vor 2000 Jahren einer vor Jerusalem an einem Kreuz für die Verfehlungen und Verbrechen der Menschheit gestorben ist und dort sogar seinen Feinden vergeben hat“, erklärte ich ihr. Die christliche Geschichte kennt einen Erlöser als Urheber der Vergebung. Deshalb konnte sich in ihrem Raum eine Kultur entwickeln, in der das Eingeständnis von Versagen und Fehlern nicht zum Ende der Karriere, sondern zur Vergebung und einem konstruktiven und kreativen Neuanfang führen kann. 

Am 7. Dezember 1970 kniete der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt vor dem Mahnmahl des Warschauer Ghettos und legte einen Kranz nieder: Sein Eingeständnis der deutschen Schuld am Holocaust. Die Bilder gingen um die Welt und lösten ein starkes Medienecho aus: Der mächtigste deutsche Politiker kniet im Eingeständnis der Schuld seines Volkes vor einem Mahnmahl des betroffenen Nachbarstaates Polen – und er war selbst nicht einmal daran beteiligt gewesen! In den asiatischen Kulturen wäre das ein unvorstellbares Verhalten. Dort muss vor allem das Gesicht gewahrt werden. In der konfuzianischen Tradition Chinas bestimmt der Höhergestellte über Wahrheit und Recht. Gesteht er Fehler ein, verliert er seine Autorität. Fehler und Versagen von Kaisern verschweigt die Geschichtsschreibung. Im krassen Gegensatz dazu finden wir in der Bibel eine schonungslose Darstellung gerade der Fehltritte und Peinlichkeiten der Gründerfiguren und Helden – von Abrahams Verrat an seiner Ehefrau über Davids Ehebruch und Mord bis zur Verleugnung des Wortführers Petrus von Jesus, seinem Herrn. Diese Art der Geschichtsschreibung und des Umgangs mit Fehlern und Versagen wurde möglich durch einen Gott, der selbst die Wahrheit ist, der Sünden vergibt und die Chance des Neuanfangs schenkt. 

Es erfordert allerdings Mut, sich den eigenen Schattenseiten zu stellen. Doch gerade darin steckt ein ungeheueres Potential für Innovation, Kreativität und Freiheit. Nicht zufällig sucht das kalifornische Erfolgsunternehmen Google Mitarbeiter, die bereit sind, Risiken einzugehen, neue Dinge zu wagen und Fehler zu machen. Das sofortige Eingeständnis und die Korrektur gehören natürlich untrennbar dazu. Aber wenn es Vergebung und die Chance zum Neuanfang gibt, fällt das Eingeständnis von Fehlern weniger schwer. Diese Chance bleibt auch für uns bestehen und gibt Hoffnung trotz vieler destruktiver Entwicklungen, die wir derzeit mit Besorgnis erleben.