Bildung in Georgien: Vom Totalitarismus bis zur Demokratie

Vortrag auf dem deutsch-georgischen Bildungssymposium, 23.-25.11.2018 in Wien

Im Bildungssystem gibt es zwei Richtlinien zu unterscheiden – eine wertorientierte und eine angewandte, wobei die wertorientierte Richtlinie den theoretischen Teil des wissenschaftlichen Wissens darstellt, die angewandte aber den praktischen Teil. Durch die wertorientierte Bildung wird das Wesen der Ereignisse erforscht und festgelegt. Sie sucht nach Antworten und behandelt dabei die fundamentalen Fragen der menschlichen Existenz, darunter Themen wie zum Beispiel: Liebe und Hass, Freude und Trauer, Ruhe und Verwirrung, Leid und Seligkeit, Freiheit und Sklaverei, Schönheit und Hässlichkeit, das Gute und das Böse, Wahrheit und Irrtum.

Der angewandte Bereich der Bildung dient der Befriedigung der geistigen, intellektuellen und körperlichen Bedürfnisse des Menschen. Sie lehrt den Menschen, wie man um sich selbst, um den Nächsten und um die Welt zu sorgen hat. Das menschliche Gewissen kann sich so lange nicht beruhigen, bis es nicht die Antworten auf die fundamentalen Fragen bekommt, die seine Existenz bestimmen. Dabei ist es egal, wie normalisiert unser praktisches Leben verläuft.

In den letzten Jahrhunderten hat die angewandte Richtlinie große Anerkennung in der ganzen Welt gefunden. Dieser Umstand hat in gewissen Teilen der Gesellschaft die Bedeutung der wertorientierten Richtlinie verringert und sie äußerst vereinfacht.

Die wertorientierte Richtlinie dient der Bewusstmachung eigener persönlicher Würde wie auch der Würde des Nächsten und unterstützt die Entwicklung der persönlichen und gesellschaftlichen Harmonie und Identität im Menschen. 

Das Ziel unseres Vortrages besteht darin, an dem Beispiel der neuesten Geschichte Georgiens die Wichtigkeit der wertorientierten Richtlinien zu verdeutlichen. Hier werden wir versuchen, zu veranschaulichen, welche Mission die wertorientierte Richtlinie seit dem 19. Jahrhundert in Bezug auf die Rettung und die Bewahrung der Einigkeit und der Unabhängigkeit in Georgien erfüllt hat.

Georgien ist ein Land der uralten Zivilisation. Durch Vorsehung Gottes war unser kleines Land schon immer in der Nachbarschaft derart großer Weltimperien wie Persien, Rom, Türkei, Byzanz und Russland. Trotz der ununterbrochenen Verteidigungskriege ist das Land Georgien nicht nur physisch erhalten geblieben, sondern es hat auch seinen wichtigen Beitrag zur Bereicherung des Weltkulturerbes geleistet. 

In unserem Land besaß Bildungswesen immer eine besondere Wichtigkeit. Georgier haben schon seit uralten Zeiten, während ihrer 2300-jährigen Geschichte der Staatlichkeit, auf jeder Entwicklungsstufe ihr Wissen und ihre Erfahrung – sei sie angewandt oder weltorientiert – in verschiedener Form und auf unterschiedliche Weise an künftige Generation weitergegeben.

Ab 326 n. Chr., nachdem das Christentum zur Staatsreligion erklärt worden war, worauf im Land ein aktiver Bau von Kirchen und Klöstern folgte, hat der Bildungsprozess und die wissenschaftliche Arbeit hauptsächlich in christlichen Zentren stattgefunden. 

Leider haben diesen Prozess des Aufbaus im 13.-18. Jahrhunderten die ununterbrochene Interventionen und Plünderungen wie auch planmäßige, manische Versuche der Vernichtung der georgischen Bevölkerung durch die Mongolen, Perser und Türken stark beeinträchtigt. Das Ganze unterbrach nicht nur die Bildungsarbeit und das Nationale Bildungssystem zerstört, sondern bedrohte auch die georgische Identität.

Die wertorientierte Richtlinie der Bildung, die unsere Eigenartigkeit bestimmt hat, war die Säule, auf der der Kampf für die Freiheit unseres Landes stützte. Diese Treue zu nationalen Wertvorstellungen hat unser Volk gerettet und ihm ermöglicht, bis zum heutigen Tag ein intensives und fruchtbares kulturelles Leben zu führen. 

Überall in der Welt waren während der ganzen Menschheitsgeschichte Religionsdiener, Politiker und die intellektuelle Elite mehr oder weniger intensiv die Schöpfer des geistigen und intellektuellen Lebens. Da in unserem Land die staatliche Unabhängigkeit oft beschränkt wurde, hat die Kirche im Laufe der Jahrhunderte die Kämpferfunktion übernommen und für die Freiheit und Einigkeit des Volkes gekämpft.

Im 19. Jh. n. Chr., als das russische Reich gewalttätig die staatliche und kirchliche Unabhängigkeit Georgiens beschränkte, hat die intellektuelle Elite den Schutz der Eigenartigkeit Georgiens auf sich genommen. Die öffentliche Gesellschaft von Wissenschaftlern und Kulturschaffenden „Tergdaleulebi“, die vom Schriftsteller und Staatsmann Ilia Tschawtschawadse geleitet wurde, hat das Volk von dem geistlichen Untergang geschützt. Sie haben die nationalen Werte „Vaterland, Sprache, Glaube“ in Erinnerung gerufen und in der georgischen Gesellschaft den Wunsch erweckt, die vaterländische Ehre zu schützen. Ilia Tschawtschawadse wurde von der georgischen orthodoxen Kirche heiliggesprochen und erhielt den Namen Heiliger Ilia der Rechtschaffene. 

Trotz der Kolonialpolitik des russischen Reiches haben „Tergdaleulebi“ ein Bildungskonzept entwickelt, das nicht nur die Vereinigung des multikonfessionellen und vom Feudaladel zerteilten Landes ermöglichte, sondern aufgrund der traditionellen, geistlichen Wertvorstellungen in der Zukunft auch die Formierung des einheitlichen und unabhängigen Georgiens garantieren würde. 

Leider blieb ihr Traum unverwirklicht.

1921 okkupierte und sowjetisierte die russische bolschewistische Regierung Georgien, unterstützt von georgischen Kommunisten. Das Bildungsprogramm des neuen politischen Regimes beruhte gänzlich auf der marxistischen Theorie und beabsichtigte die vollständige Sozialisierung des Erziehungszyklus des Kindes.

Aufgrund des kommunistischen Bildungssystems ist Folgendes durchgeführt worden: 1. Verachtung der familiären Erziehung; 2. Verbreitung und Entwicklung der kollektiven Tendenzen statt der persönlichen; 3. Einführung der sozialen Prinzipien der Erziehung. Die Erfüllung dieser Aufgaben haben Kindergärten, Kinderspielplätze, Schulen, Kinderheime, Jugendvereine und Arbeitsschulen übernommen. Das Ziel dieser konkreten Erziehungseinrichtungen war „die Vernichtung des engen egoistischen Einflusses seitens der Familie“.

In erster Linie beabsichtigte dieses Projekt, die traditionellen geistlichen Werte – vor allem religiöse Prinzipien – zu missachten und Jugendliche im atheistischen Sinn zu erziehen.

Unter dem Einfluss der kommunistischen, totalitaristischen Ideologie hat sich in Georgien der Kult der Gewalt verankert. Die Bespitzelung und Beobachtung der Bürger haben sich verbreitet. Georgische Familien fingen an zu zerfallen. Christliche Arbeitsverhältnisse und traditionelle Formen der Arbeitskultur wurden missachtet. Das religiöse Leben wurden extrem beschränkt. Das Ganze hat die Degradierung der Sittlichkeit verursacht.

Man kann aber nicht die Tatsache außer Acht lassen, dass es vielen georgischen Familien gelungen ist, sogar unter der Kontrolle der kommunistischen Partei traditionelle geistliche Werte zu schützen und zu pflegen. Sie haben religiöse Rituale geheim durchgeführt, bewahrten und vertieften die Tradition. Dieses Verhalten kann man als Heldentat bezeichnen.

In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts, als man die Annäherung des Zweiten Weltkrieges schon ahnen konnte und die nationale Ideologie, nationale Werte eine besonders wichtige Bedeutung erhielten, hat die politische Leitung des sowjetischen Staates beschlossen, nationale Wertvorstellungen mäßig wiederzubeleben.

Die georgische intellektuelle Elite, die mit Tapferkeit und Weisheit ausgestattet war, hat diese Gelegenheit genutzt, um der kommenden Generation den patriotischen Geist anzuerziehen.

Auf dieser Weise übernahm die georgische Intelligenzija erneut die Leitung des Bildungsprozesses im Land.

Trotz des selbstlosen Wirkens der georgischen Intelligenzija ist es der kommunistischen Ideologie gelungen, Ende des 20. Jahrhunderts der Mehrheit der Gesellschaft religiöse Wertvorstellungen auszumerzen und die für die nationale Identität charakteristischen Merkmale wesentlich zu verzerren. Mitleid wurde durch Gleichgültigkeit ersetzt, Edelmut durch Habgier, Professionalismus durch Karrierismus, Verantwortung durch Formalismus und der Wunsch, Gerechtigkeit zu schützen, durch Konformismus.

Unter solchen komplizierten Umständen hat 1977 Ilia II. (Schiolaschwili) den Thron des Patriarchen Georgiens übernommen. Er hat sich zum Ziel gesetzt, die georgische Jugend in traditionellen Werten zu erziehen. Gleich am Anfang seines Wirkens hat er in der Gesellschaft zwei Schichten hervorgehoben – die Jugend und die Intelligenzija. Genau mit diesen zwei Gruppen hat er angefangen, aktiv zu arbeiten. Patriarch Ilia II. hat der Tradition, montags Kinder zu segnen, den Anfang gesetzt. Mittwochs hat er sich regelmäßig mit Studenten getroffen und donnerstags wurden die Treffen mit der Intelligenzija zurück ins Leben gerufen.

Die Vereinigung der Kirche mit der intellektuellen Elite des Landes hat die vollständige Mobilisierung der nationalen Befreiungsbewegung ausgelöst. Die Krönung dieses Prozesses war 1991 die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Georgiens. Alle haben erwartet, dass im neuen demokratischen Georgien aufgrund der traditionellen Werten ein kulturell und ökonomisch starker Staat aufblühen würde. 

Aber die Ereignisse haben sich anders entwickelt:

1. Russische imperialistische Kräfte haben in Georgien ethnopolitische Konflikte provoziert, was in einem flächendeckenden Bürgerkrieg mündete. Dieser Krieg führte zu großen Opfer nund mehreren Tausend Flüchtlinge. Georgien verlor die politische Kontrolle über manche Regionen.

2. Um die pro-westliche Orientierung Georgiens zu verhindern, hat Russland künstlich eine Wirtschaftskrise im Land verursacht. Die herkömmlichen Wirtschaftsbeziehungen wurden abgebrochen. Das hat das Land in die Armut geführt. Betriebe und Fabriken haben aufgehört zu funktionieren, der größte Teil der Bevölkerung wurde arbeitslos. Familien blieben ohne Lebensunterhalt und Familienmitglieder waren gezwungen, ins Ausland (Westeuropa, Russland, Israel, u.a.) zu fahren und dort eine Arbeit zu suchen. Das hat natürlich die traditionellen Familienverhältnisse stark beeinträchtigt. Der Grund dafür war, dass meistens die Frauen, also die Mütter, die Familie verlassen haben, um sie zu ernähren. Kinder wuchsen ohne mütterliche Liebe, Wärme und Aufsicht auf. Das hat sich auf die geistliche Formierung der Kinder widerspiegelt – die Kinder waren gereizt. Wegen der schweren materiellen Umstände waren sie oft unterdrückt und deprimiert. Das alles hat die Jugend weniger zur fleißigen und erfolgreichen Arbeit motiviert.

3. Auch die intellektuelle Elite war durch diese Ereignisse stark betroffen – politische Unruhen, Ehrgeiz unterschiedlicher Parteien und undurchdachte Aktivitäten haben wirtschaftliches wie auch geistiges Potenzial des Landes verbraucht. 

4. Die Krise herrschte auch im Staatssystem – die politische Elite hat sich als nicht bereit erwiesen, sich dem kapitalistischen System anzupassen. Korruption und Machtmissbrauch herrschten im Land.

Nach der Wiederherstellung der Unabhängigkeit hat die Gesellschaft in erster Linie auf die hemmungslose praktische Umsetzung des nationalen Bildungskonzepts gehofft. Das Bildungssystem sollte das durch die kommunistische Ideologie beschädigte öffentliche Bewusstsein heilen. Dafür war es notwendig, die nationalen und geistlichen Werte in das Bildungssystem einzubetten, die im Laufe der Jahrhunderte unsere nationale Eigenart geprägt haben. Gleichzeitig sollte der Bildungsbereich mit der modernen Entwicklung der Wissenschaft Schritt halten.

Wegen der Verwirrung der Übergangsperiode wurden in unserem Land Liberalismus und Säkularismus leider nur oberflächlich wahrgenommen. Dadurch wurde die Bewusstmachung der für unsere Identität derart charakteristischen Werte äußerst beschränkt und die Rückkehr dieser Wertvorstellungen in das gesellschaftliche Leben wurde verzögert. Die mechanische Übertragung der in europäischen Ländern mehrfach erprobten erfolgreichen Bildungstechnologien war für uns weniger effektiv und manchmal sogar auch schädlich, da diese Übertragung ohne Berücksichtigung der nationalen Interessen stattfand. Infolgedessen war jedes neue Experiment in unserem Bildungssystem erfolglos.

Das kommunistische Regime hat versucht, das religiöse Bewusstsein mit Gewalt auszumerzen. Der weltanschauliche Säkularismus versucht, das Gleiche im Namen von allgemeiner Freiheit und Toleranz zu verwirklichen. In der kommunistischen Periode wurden die nationalen Werte zwar verzehrt unterrichtet, aber der Begriff ‚Patriotismus‘ nahm im Bewusstsein der Gesellschaft einen besonderen Platz ein. Leider trägt heutzutage der Begriff ‚Patriotismus‘, laut Vertretern der radikalen liberalen Weltanschauung, eine Gefahr des Nationalismus und Faschismus. Dementsprechend gehöre es sich in der modernen Gesellschaft nicht mehr, über dieses Thema zu sprechen.

In dieser schwierigen Lage, als im Land die totale Zerstörung des Landes stattfand, stellte die georgische orthodoxe Kirche die einzige unbefleckte Oase dar. Das Georgische Patriarchat und Seine Heiligkeit Ilia II. haben die Entwicklung der geistlichen und der sittlichen Richtlinien auf sich genommen. Die Predigten von Patriarchen und der Aufruf „Georgier, gemeinsam zu Gott!“ bestimmte in diesen strapaziösen Jahren wesentlich das geistliche Leben der georgischen Bevölkerung.

Aber allein die Kirche kann alle Probleme des Landes nicht lösen. Sie braucht den Beistand der intellektuellen Elite. Nur die Vereinigung der geistlichen und der intellektuellen Kräfte wird die Genesung der öffentlichen Meinung und ihre Formierung zu einem System ermöglichen.

Nach den oben genannten Faktoren stellt sich natürlich eine rhetorische Frage: Wessen Verantwortung ist Bildung?

Wir sind der Meinung, dass diese Verantwortung in erster Linie der Staat übernehmen soll. Der Staat ist dafür verantwortlich, alle Ströme und Gegenströme, die es im Land gibt, zu kontrollieren. Insbesondere betrifft es die Erziehung und Bildung der Kinder. Natürlich muss der Staat mit der Öffentlichkeit und der Kirche eng zusammenarbeiten und für die Wiedergeburt der traditionellen Familie sorgen. Der Staat verfügt über alle wichtige Ressourcen – menschliche wie finanzielle. Bildung muss zur obersten Priorität erklärt werden, nicht nur durch das Wort, wie es bis jetzt passiert ist, sondern durch die Tat. Es soll nicht nur gesagt, sondern auch gemacht werden.

Die Formierung des Schulbereichs, der durch den nationalen Geist geprägt ist, der die führenden Errungenschaften der westlichen Bildung schöpferisch anwendet und eine kreative sowie innovative Jugend erzieht, muss gefördert werden – dem Staat wird es in aktiver Zusammenarbeit mit der intellektuellen Elite und der Kirche gelingen.

 

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Alexander Dauschwili, ICCS – International Centre for Christian Studies at the Orthodox Church of Georgia (http://logos.org.ge/eng/gamgeoba.php)